Was kann man von PEDs erwarten?

Performance Enhancing Drugs oder PEDs sind im Profi- aber auch im Breitensport viel verbreiteter, als man vielleicht annehmen würde. Obwohl es wahrscheinlich auch eine große Dunkelziffer an dopenden Sportlern gibt, so kommen viele Studien zu diesem Thema immer wieder zu dem Ergebnis, dass in etwa 10% aller Sportler, sei es im Hobby- oder im Leistungsbereich, leistungssteigernde und von der WADA verbotene Substanzen nutzen. Im Bereich des Bodybuildings ist die Zahl ungleich höher - eine Befragung aus dem arabischen Raum ergab sogar eine Quote von etwa 50% unter allen Fitnessstudiobesuchern. Gleichzeitig wird Doping immer noch mit schier unglaublichen Leistungen assoziiert, die nahezu übermenschlich erscheinen. Und wenn man sich die Weltspitze in egal welcher Sportart ansieht, ist es auch kaum vorstellbar, dass diese Leistungen ohne die Zuhilfenahme von bestimmten Präparaten vollbracht werden könnten. Aber was kann man - auch persönlich - wirklich von der Einnahme leistungssteigernder Substanzen erwarten? Könnte jeder Mensch mit dem richtigen Dopingprotokoll Olympiasieger werden bzw. wie weit würde man es schaffen? Die Antwort auf diese Frage wird wohl viele überraschen…

Doping ist keine Erfolgsgarantie

Entgegen der weitverbreiteten Meinung ist Doping mit Steroiden und anderen Substanzen weniger wirkungsvoll als viele Menschen glauben. Ein gutes Beispiel dafür sind die kürzlich veranstalteten “Enhanced Games”, bei denen 42 Weltklassesportler 3 Monate lang unter Zuhilfenahme aller Substanzen, die von der FDA als Medikamente zugelassen sind, ein intensives Trainingsprogramm unter optimalen Bedingungen absolvierten, an dessen Ende ein Show-Wettkampf stand, dessen Ziel es war, so viele Weltrekorde wie möglich zu pulverisieren - wenn auch nur inoffiziell. Das Ergebnis war ernüchternd: lediglich ein Weltrekord im Schwimmen wurde knapp unterboten, was allerdings zum größten Teil den speziellen Neopren-Anzügen geschuldet war, die in normalen Wettkämpfen aufgrund ihrer massiven Leistungssteigerung nicht erlaubt sind. Ein besonderes Debakel dieser “Olympischen Spiele der Zukunft”: der 100m-Sprint. Der Sieger blieb mit 9.95s weit hinter seiner eigenen persönlichen Bestmarke zurück und war langsamer als ungefähr 80 College-Athleten, die dieses Jahr schon schnellere Zeiten gelaufen waren. Bedeutet dies nun, dass jene auch alle gedopt waren? Wohl kaum. Viel eher stellt es unter Beweis, dass Doping alleine eben nicht alles ist. Natürlich verbessert es die individuelle Leistungsfähigkeit, allerdings sorgt es erst dann für wirkliche Unterschiede, wenn ein Athlet auch ohne leistungssteigernde Substanzen bereits extrem weit vorne dabei ist.

Das hat zum Einen mit Genetik zu tun. Keine Droge der Welt kann verändern, welche Voraussetzungen ein Athlet von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen hat. Nehmen wir nur das Beispiel der Muskelfaserzusammensetzung. Während ein prädestinierter Marathonläufer fast ausschließlich slow-twitch (ST) Fasern besitzt, die sehr ermüdungsresistent sind und ihm erlauben, sehr lange schnell zu laufen, so hat sein Sprinterkollege fast nur fast-switch (FT) Fasern, die zwar binnen weniger Sekunden ermüden, dafür jedoch eine enorme Explosivkraft entwickeln können. Egal, wie viele Steroide man dem Marathonläufer geben würde, seine Muskelfaserzusammensetzung würde sich dadurch wohl nur kaum verändern und seine Sprinterqualitäten werden nie auch nur in die Nähe eines ungedopten, dafür aber genetisch gesegneten Sprinters kommen. Was anhand dieses Beispiels leicht verständlich ist, gilt aber auch für viele andere physiologischen Eigenschaften, die wir eben auch mit leistungssteigernden Substanzen nur zu einem gewissen Grad beeinflussen können - der Großteil hingegen ist schon bei unserer Geburt festgelegt. Und sogar genetisch bevorzugte Athleten wie jene, die bei den Enhanced Games antraten, konnten von den Dopingmitteln nicht so sehr profitieren, dass sie ihre eigenen Leistungen reproduzieren konnten, die sie am Höhepunkt ihrer Karriere aufgestellt hatten.

Denn Doping kann auch nur verbessern, was bereits an optimierten Systemen vorhanden ist. Der Löwenanteil des Erfolgs wird durch hartes Training, Regeneration und richtige Ernährung bestimmt. Kommen dann noch leistungssteigernde Substanzen dazu, kann das natürlich eine potente Mischung ergeben, aber eben auch nur, wenn Athleten davor schon ein Talent und Potenzial für die Sportart mitbringen, welches durch das richtige Umfeld, Trainerstab und die Bedingungen, unter denen sich Athleten entwickeln können, gefördert wird. Und selbst dann - siehe Enhanced Games - ist der Erfolg alles andere als garantiert.

Ja, Doping ist ein unfairer Vorteil gegenüber der Konkurrenz, wenn diese nicht dopen. Doch um einen Weltrekord aufzustellen oder eine olympische Medaille zu gewinnen, braucht es nicht das durchdachteste PED-Protokoll oder die neuesten Präparate - sondern in erster Linie sportliche Ausnahmetalente, die es gar nicht nötig haben, ihre Leistung künstlich zu verstärken. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Enhanced Games, bei denen nach allen Regeln der medizinischen Kunst versucht wurde, die “Grenzen des menschlich Möglichen” zu verschieben, so gefloppt sind? Ein weiterer, vielleicht etwas bitterer Beweis: die meisten Personen im Fitnessstudio, die Testosteron und andere Substanzen ge- und missbrauchen, um ihren Muskelaufbau zu verbessern, würden nicht als überdurchschnittlich muskulös auffallen. Und das nicht, weil sie nicht “ausreichend” dopen oder nicht hart trainieren - sondern weil sie einfach nicht das Talent bzw. die Genetik dafür mitbringen.

Performance-ENHANCING-drugs

Es stimmt zwar, dass ein hoher Testosteronspiegel alleine bzw. die Gabe von exogenem Testosteron ausreicht, um im Körper einen muskelaufbauenden Reiz auszulösen. Aus Interventionsstudien mit HIV-Betroffenen, die zur Prävention einer Sarkopenie Testosteron verabreicht bekamen, ist bekannt, dass dies binnen 10-16 Wochen zu einem Muskelzuwachs in der Größenordnung von 2-3 kg führte. Eine Meta-Analyse aus 2021 kam allerdings zu dem Ergebnis, dass gezieltes Muskelaufbautraining der alleinigen Zufuhr anaboler Steroide in Bezug auf Muskelzuwächse um nichts unterlegen war. Wenig überraschend erzielte eine dritte Studiengruppe, die sowohl Training als auch PEDs in ihrem Protokoll hatte dabei die größten Erfolge - die nicht nur die Muskelmasse, sondern vor allem auch die Stärke der Probanden betrafen. Natürlich haben diese Beobachtungen nur eine beschränkte Aussagekraft, doch man kann durchaus behaupten, dass PEDs nur dann wirklich einen Mehrwert bieten, wenn sie zusätzlich zu einem bereits optimierten Trainingsregime eingenommen werden. Nicht umsonst spricht man ja von “Performance ENHANCEMENT”, also der Leistungssteigerung und nicht der Leistungsschaffung. Es können nur bereits optimierte Abläufe weiter verbessert werden, Fehler in Training oder Ernährung oder auch eine schlechte Genetik können aber keineswegs ausgeglichen werden.

Besonders im Breitensport, vor allem im Fitnessstudio unter jungen Männern, ist die Versuchung oft groß, zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen. Schließlich hängt bei dieser “Zielgruppe” der Lebensunterhalt nicht von ihrem Status als “saubere” Sportler ab und in Anbetracht der großen Wirksamkeit dieser Substanzen träumen viele Menschen davon, ihren Traumkörper unter Zuhilfenahme von PEDs schnell und viel müheloser erreichen zu können. Man könnte anabole Steroide von diesem Gesichtspunkt aus fast mit den immer populärer werdenden Schönheitsoperationen, Brustvergrößerungen und Botoxbehandlungen bei Frauen vergleichen. Wenn dieser Blog aber eines verdeutlichen soll, dann, dass dieses Idealbild eben NICHT einfach durch ein paar Spritzen plötzlich in greifbarer Nähe ist. Ein viel größerer Teil des Erfolgs hängt vom richtigen, konsistenten und effektiven Training und einer guten Ernährung über einen langen Zeitraum hinweg ab. Freizeitsportler, die diese Stellschrauben nicht optimiert habe, sollten keinen Gedanken daran verschwenden, überhaupt zu PEDs zu greifen, denn in der Manipulation dieser anderen Dinge steckt sehr viel mehr ungenutztes Potenzial, das keine Nebenwirkungen hat - im Gegensatz zu anabolen Steroiden. Trainingsanfänger sind außerdem noch viel empfänglicher für Trainingsreize und haben ein viel größeres Muskelaufbaupotenzial als schon fortgeschrittene Athleten. Wenn ein ambitionierter Freizeitbodybuilder viele Jahre konstant mit hoher Qualität trainiert, seine Ernährung zu 90% gesund und optimiert gestaltet und ausreichend Zeit für Erholung einplant, kann er mehr erreichen, als er selbst vielleicht für möglich hält. Wenn er dann an einen Punkt kommt, an dem weitere Fortschritte ausbleiben und er weiter Muskeln aufbauen möchte, dann ist es berechtigt, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen und zu überlegen, ob man die gesundheitlichen und finanziellen Folgen, die der Wechsel auf die “dunkle Seite” mit sich bringt, wirklich in Kauf nehmen möchte. Stagnieren die Fortschritte aber, weil entweder das Training zu unregelmäßig, der Schlaf zu kurz oder die Ernährung suboptimal gestaltet werden, sollten besonders Freizeitsportler keinen Gedanken an PEDs verschwenden - vorausgesetzt, sie sind gesund und haben keinen Testosteronmangel, der medizinischer Aufmerksamkeit bedarf.

Und selbst wenn die Entscheidung nach hoffentlich sehr gründlicher Überlegung und im Bewusstsein der vielen möglichen und meist irreversiblen Gesundheitsschäden dennoch für den Steroidkonsum ausfällt, sollte man sich auch dann keine Wunderdinge erwarten. Ja, wenn alle anderen Faktoren weiterhin konstant gehalten werden, kann eine exogene Zufuhr von bestimmten Substanzen weiteres Muskelwachstum möglich machen, doch wie viel (oder wenig) ist höchst individuell und hat erneut viel mit der Genetik des Individuums zu tun.

Warum für die allermeisten Menschen PEDs es nicht wert sind

Es ist unbestritten, dass jeder Mensch, der zu leistungssteigernden Substanzen greift, einen Effekt spüren wird und optische und Performance-Steigerungen wahrnehmen wird. Vorausgesetzt, der Gebrauch der Präparate ist im jeweiligen Kontext legal (also nicht durch ein örtliches Gesetz strafbar bzw. zur Leistungssteigerung in einem Wettkampf - mit Ausnahme des ungetesteten Bodybuildings) und werden “nur” aus persönlichem Interesse angewandt, um zB den eigenen Traumkörper zu erreichen, wird sich dies dennoch in den allermeisten Fällen nicht auszahlen. Soziale Medien, Bildbearbeitung und künstliche Intelligenz haben bewirkt, dass wir online in einer gewissen “Bubble” nur noch mit Menschen konfrontiert sind, die unsere Vorstellung davon, wie wir aussehen und wie viele Muskeln wir aufbauen können, komplett verzerren. Es handelt sich dabei um eine Handvoll genetisch Gesegneter, die meist unter Ge- und Missbrauch diverser Substanzen für eine extrem kurze Zeit einen “Look” erreichen, den wir dann als Maßstab für unser eigenes Erscheinungsbild verwenden. Zu glauben, dass wir diesen Körperbau selbst, womöglich noch dauerhaft erreichen könnten, liegt von der Wahrheit leider sehr weit entfernt. Zum einen, da wir genetisch meist nicht zu den Top 0,01% gehören, die für dieses Aussehen geschaffen sind und zum Anderen, weil sich unser Leben nicht nur um Training, Ernährung und Erholung drehen kann und auch die Kosten von PEDs nicht gerade klein sind.

Warum also die eigene Gesundheit opfern, nur um einem Ziel nachzujagen, welches sowieso unrealistisch ist? Warum Unsummen an Geld in Substanzen investieren, nur damit diese unser Leben verkürzen, indem sie Organe schädigen und unsere Blutgefäße verstopfen? Diese Nebenwirkungen sind - im Gegensatz zu den Ergebnissen, die uns PEDs liefern sollen - nämlich garantiert. Es stimmt, dass wir mit PEDs mehr Muskeln aufbauen könnten, doch wenn dies nicht unser Beruf und Lebensinhalt ist, möchte ich ausnahmslos jedem und jeder davon abraten. Natürlich verurteile ich auch niemanden, der persönlich das Beste aus sich herausholen möchte und nach mehreren Jahren harten Trainings und der perfekten Ernährung keine weiteren Fortschritte mehr erzielt. Wer bereit ist, gewisse gesundheitliche und finanzielle Schäden für ein temporäres Aussehen in Kauf zu nehmen, der kann natürlich tun, was und wie er oder sie es möchte. Wichtig ist nur, mit der richtigen Erwartungshaltung an das Unterfangen heranzugehen und zu wissen, dass auch PEDs kein suboptimales Training ausgleichen, keine mangelhafte Ernährung kompensieren oder unregelmäßigen Schlaf wettmachen können, sondern diese Dinge eher noch vermehrt sichtbar machen werden. Und abgesehen vom fraglichen individuellen Nutzen stehen dem auch noch zahlreiche Risiken gegenüber, derer man sich bewusst sein muss und im Falle eines Konsums proaktiv entgegenwirken und nicht die Augen davor verschließen sollte.

Fazit

PEDs sind hochwirksam - sie steigern unser Muskelaufbaupotenzial, verbessern die Fettverbrennung und sorgen sogar ohne Trainingsreiz dafür, dass wir an fettfreier Masse zulegen. Trotzdem hat auch unter Zuhilfenahme von großen Mengen dieser Substanzen bei weitem nicht jeder das Potenzial, genau so auszusehen, wie wir es von Social Media oder Bodybuilding-Bühnen kennen. Dafür müssen eine ganze Reihe anderer Faktoren über einen sehr langen Zeitraum optimiert werden und zusätzlich noch die genetische Veranlagung mitgebracht werden - eine Kombination, die so bei den wenigsten Menschen zutrifft. Natürlich steht es jedem persönlich frei, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, nur sollte man sich von PEDs keine Wunder erwarten. Sie wirken zweifellos, doch auch die gesundheitlichen Nebenwirkungen und finanziellen Belastungen sind bei Beginn einer “Unterstützung” so sicher wie das Amen im Gebet. Inwiefern dieses Risiko gerechtfertigt ist, muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, doch in Anbetracht der Tatsache, dass jeder unverantwortliche Konsum die Lebensspanne extrem verkürzen und das Risiko für zahlreiche Erkrankungen oder Organschäden erhöhen kann, will diese Entscheidung besonders gut überlegt sein. Denn selbst wenn die PEDs tatsächlich die gewünschten Resultate bringen, bleibt die Frage, ob diese 3 kg Muskelmasse mehr es wert waren, am Ende 3 Jahre seines Lebens zu verpassen.

Wie stehst du zu diesem Thema? Welche Risiken wärst du bereit, für deinen Traumkörper einzugehen? Teil deine Meinung gerne auf Instagram mit mir und schicke den Artikel an Menschen weiter, von denen du glaubst, sie müssen ihn lesen. Danke für deine Zeit und alles Gute! Jakob

Quellen

Falqueto, H., R., J., Silvério, M., Farias, J., Schoenfeld, B., & Manfredi, L. (2021). Can conditions of skeletal muscle loss be improved by combining exercise with anabolic–androgenic steroids? A systematic review and meta-analysis of testosterone-based interventions. Reviews in Endocrine and Metabolic Disorders, 22, 161 - 178. https://doi.org/10.1007/s11154-021-09634-4.

Bhasin, S., Storer, T., Javanbakht, M., Berman, N., Yarasheski, K., Phillips, J., Dike, M., Sinha‐Hikim, I., Shen, R., Hays, R., & Beall, G. (2000). Testosterone replacement and resistance exercise in HIV-infected men with weight loss and low testosterone levels.. JAMA, 283 6, 763-70 . https://doi.org/10.1001/jama.283.6.763.

Herbst, K., & Bhasin, S. (2004). Testosterone action on skeletal muscle. Current Opinion in Clinical Nutrition and Metabolic Care, 7, 271-277. https://doi.org/10.1097/00075197-200405000-00006.

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Die Enhanced Games und die dunkle Realität über PEDs