Warum man nicht mit PEDs beginnen sollte
Bodybuilding ist ein faszinierender Sport. Körper wie Skulpturen, Menschen, die ein halbes Auto heben können und ein Körperfettanteil, der eigentlich nicht mit dem Leben vereinbar sein sollte - Extreme sind für uns Menschen interessant und hinterlassen einen bleibenden Eindruck, das ist Fakt. Wie jede andere Sportart zieht auch Bodybuilding wegen der außergewöhnlichen Leistungen Menschen an und ich nehme mich selbst dabei nicht aus. Was dabei ein offenes Geheimnis ist: Die Profis, denen auf den Bühnen dieser Welt zugejubelt wird, nutzen leistungssteigernde Substanzen wie anabole Steroide, um ihr Aussehen noch weiter zu verbessern - oder vielleicht treffender - noch extremer zu gestalten. Mit echter Attraktivität hat das für die meisten Menschen nichts mehr zu tun, und dennoch finden wir es faszinierend. Eine Alternative zum “enhanced” Bodybuilding stellt das “Naturale” Pendant dar, doch diese Nische erfährt weitaus weniger Zulauf als die “großen Jungs” (und Mädels), da diese einfach unvergleichbar massiger sind. Aus dieser Bewunderung erwächst in vielen Fällen auch der Ehrgeiz, das eigene Aussehen zu beeinflussen und wenn man einschlägigen Studien Glauben schenkt, sind es mindestens 10% aller Fitnessstudio-Besucher, die dafür auch leistungssteigernde Substanzen nutzen. Und auch auf Instagram, YouTube und anderen sozialen Medien wird der Gebrauch von Anabolika immer natürlicher und alltäglicher und oftmals leider auch verharmlost. Deshalb möchte ich mit diesem Artikel ausnahmsweise nicht nur auf die natürlich schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen eingehen, sondern auch andere Aspekte beleuchten, warum sich niemand dazu gedrängt fühlen sollte, diese Präparate einzunehmen. Natürlich liegt die Entscheidung letzten Endes bei jedem selbst und ich würde lügen, wenn ich die Gründe für den Gebrauch von Wachstumshormonen und Steroiden als nicht nachvollziehbar bezeichnen würde. Und dennoch bin ich der Meinung, dass es wie auch bei Alkohol und Nikotin genügend Gründe gibt, die ganz klar gegen den Konsum sprechen und die ich hier aufzeigen möchte.
Verzerrte Erwartungshaltung: Zunächst muss thematisiert werden, warum so viele Menschen überhaupt in Erwägung ziehen, hormonell bzw. pharmakologisch unterstützt ihr Aussehen zu verändern, wenn dies doch auch ohne gewisse Hilfsmittel möglich wäre. Solange alle gesundheitlichen Parameter nämlich in Ordnung sind und nicht ein manifester Mangel an bestimmten Hormonen gegeben ist, so ist es auch auf natürlichem Wege möglich, sehr beachtliche Erfolge zu erzielen. Das Problem ist nur, dass durch soziale Medien, bearbeitete Bilder und der täglichen Flut an Fotos, die die wenigen genetischen Ausnahmen (oder eben Profibodybuilder) zeigen, unsere Erwartungshaltung beeinflusst wird. Würden diese Vergleichswerte nicht existieren, wäre den allermeisten von uns auch ein geringeres Maß an Muskelmasse wohl “genug”, doch die dauerhafte Versuchung, sich mit allen Fitnessbegeisterten dieser Welt zu vergleichen, verschiebt hierbei unsere Einschätzung davon, was (für uns) möglich sein sollte. Und auch der Zeitrahmen, den wir uns für das Erreichen eines von vornherein unrealistischen Ziels einräumen, ist in unserer schnelllebigen Zeit, in der ein Trend den nächsten jagt, stark verkürzt. Wir wollen maximale Ergebnisse in der kürzestmöglichen Zeit, möchten am liebsten so aussehen wie ein Mr. oder eine Ms. Olympia, aber dafür maximal 3 Jahre trainieren. Dass das vorn und hinten nicht möglich ist, kann sich jeder ausmalen. Zum Einen besitzen die allerwenigsten die notwendigen erblichen Voraussetzungen, so viele Muskeln aufbauen zu können, zum Anderen haben auch die Profis viele Jahre investieren müssen, um auf dieses Niveau zu kommen. Doch leider ist das den meisten Menschen nicht bewusst und sie sind frustriert, wenn sie nicht in jedem Training Fortschritte sehen. Aufgrund dieser unrealistischen Erwartungen und den schlechten Rollenbildern online verfallen viele, meistens junge und männliche Athleten, der Versuchung und verschreiben sich dem “Stoff”-Konsum. Und leider wirken diese Präparate auch dermaßen gut, dass die wenigsten bereit sind, diese wieder abzusetzen. Die Folge ist eine weitere kaum vorstellbare Transformation, die unkommentiert in den sozialen Medien geteilt wird, und den Standard einer respektablen Statur für alle anderen weiter nach oben schraubt und den Druck weiter erhöht. Dabei sind jene Körper, die wir tag-täglich auf den sozialen Medien präsentiert bekommen schon lange nicht mehr normal und ganz sicher nicht “natürlich” und nur durch hartes Training erreicht worden. Mit Ausnahme einiger weniger, die wirklich die Geduld und Disziplin aufbringen und bereit sind, die Zeit zu investieren, um die gleichen Ergebnisse ohne Unterstützung zu erreichen. Meist nehmen diese Personen viel mehr aus dem Prozess mit als alle anderen, doch dazu später noch mehr - die Aufmerksamkeit jedoch ist ihnen sicher nicht gewiss, die ist für die verrücktesten Transformationen reserviert.
Verschobene Ziele: Eine weitere Problemzone tut sich auf, wenn der Traumkörper einmal erreicht ist, denn so sehnlich dieser noch ein paar Monate zuvor vermisst wurde, so alltäglich erscheint er schon nach wenigen Tagen, wenn er einmal zur Realität geworden ist. Doch auch dieses nun erreichte Ziel ist dann nicht mehr genug, um das selbe Maß an Genugtuung und Begeisterung hervorzurufen und dieselbe Unzufriedenheit, die auch anfangs geherrscht hat, macht sich zwangsläufig im Inneren breit. Zum Vergleich werden immer extremer austrainierte Menschen herangezogen und das Ziel verschiebt sich. Es ist wie mit so vielen anderen Dingen im Leben, von denen wir uns inneren Frieden und Genugtuung versprechen: haben wir sie erst einmal erreicht, gewöhnen wir uns so schnell daran, dass immer mehr notwendig wird, um wieder Freude und Begeisterung oder Stolz zu empfinden. Egal, ob es sich dabei um Geld, Follower, Freunde, Medaillen, Arbeitsstunden, Urkunden, Auszeichnungen, Anerkennung oder irgendetwas anderes handelt - am Ende entscheidet nicht das absolute Maß darüber, wie glücklich wir damit sind, sondern wie wir es relativ zu dem empfinden, was wir für “normal” halten. Und da stellt sich doch die Frage, wie wir unsere Standards setzen möchten. Es hat zweifelsohne einen Reiz, sich immer verbessern zu wollen, doch das ist auch auf einem niedrigeren Niveau realisierbar. Natürlich ist es möglich, immer mehr Geld anzuhäufen, doch sobald dieses ohnehin nur noch am Konto liegt und eine unbedeutende Zahl darstellt, die für uns nicht mehr Lebensqualität bringt, stellt sich dabei durchaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Unterfangens. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir nicht viel mehr die Freude am Tun in den Mittelpunkt stellen sollten anstatt einem Ergebnis, einem Meilenstein oder einem Aussehen nachzujagen, das uns am Ende doch nicht glücklicher machen wird, als wir es im Moment mit uns selbst sein können?
Warum streben wir nach einer bestimmten Zahl, sei es auf der Waage, in einer bestimmten Übung oder bei unserem Bizepsumfang? Was ändert es, ob wir nun 1 kg mehr Muskelmasse auf die Waage bringen oder 10 kg weniger als irgendein anderer Bodybuilder oder auch ein Freund? Warum geben wir uns nicht damit zufrieden, jene Variablen zu beeinflussen, die wir auf natürlichem Wege beeinflussen können? Denn auch MIT PEDs ist unseren “Gains” ein Limit gesetzt, welches wir nicht übertreffen können. Doch was passiert, wenn wir dieses dann erreichen? Erhöhen wir unsere Dosis? Wann endet die Jagd nach immer mehr? Und vor allem - ist es wirklich dieser eine Kilo, der den Unterschied macht oder doch viel mehr der Prozess des An-sich-Arbeitens, an dem wir Freude haben sollten?
Gesundheitliche Folgen: Auch wenn es selbst ohne dieses Argument genügend Gründe gibt, nicht mit immer anderen Hilfsmitteln die Grenzen des Möglichen immer weiter zu verschieben, so sorgt die gesundheitliche Komponente dennoch dafür, dass die allermeisten Athleten die Finger von PEDs lassen sollten. Wenn die Jagd nach den Muskeln keine Konsequenzen hätte, wäre das eine Sache, doch durch den Umstand, WIE stark gesundheitsschädigend der Gebrauch von PEDs ist, wäre es fahrlässig, nicht vor deren Gebrauch eindringlich zu warnen. Es stimmt, dass auch andere Dinge wie Alkohol und Rauchen Spuren an unserem Körper hinterlassen, doch das ist deswegen kein Grund, Steroide und Co. zu verharmlosen. Fakt ist, dass unser Herz-Kreislauf-System, unsere Leber, unser Bewegungsapparat und viele weitere Strukturen dauerhaft, also irreversibel geschädigt werden. Es mag sein, dass sich viele junge Menschen, die bereits entscheidungsfähig sind, dennoch Anabolika injizieren, doch viele sind sich den Folgen ihrer Taten in dem Moment nicht wirklich bewusst. Denn um die Tragweite dieser Entscheidung erfassen zu können, muss das Gehirn vollständig ausgereift sein und am besten auch sonst schon einiges erlebt haben. Wenn nach vielen Jahren Training ein mitten im Leben stehender Mensch mit 30 Jahren sich dazu entschließt, durch PEDs seine Naturalen Grenzen noch einmal sprengen zu wollen, ist das eine Sache. Er oder sie sollte sich aber sicher sein, in der Zukunft keine Familie mehr gründen zu wollen und die finanziellen Ressourcen besitzen, sich ein engmaschiges gesundheitliches Monitoring (und auch die gefragten Substanzen in entsprechender Qualität) leisten zu können. Wenn aber ein gerade einmal volljähriger Teenager, der ohnehin am Höhepunkt seiner natürlichen Testosteronproduktion steht und nur ungeduldig ist, weil die Resultate nicht so schnell kommen, wie er es sich erhofft, zu leistungssteigernden Substanzen greift, dann ist das nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Es spricht in den allermeisten Fällen außerdem nichts dagegen, noch ein paar Jahre zu warten und natürlich weiterzutrainieren. Was, wenn sich die Lebenslage in 2 Jahren geändert hat und plötzlich andere Dinge Priorität haben? Was, wenn man doch eine Familie gründen möchte? Gerade bei noch jungen Athleten kann sich noch so vieles ändern und auch wenn die meisten glauben, den Lauf ihres Lebens schon voraussehen zu können, so hat das Leben eben doch oftmals andere Pläne. Und mit 30 als junge Frau mit starken Virilisierungseerscheinungen oder als Mann, angewiesen auf Testosteronersatztherapie und ohne fruchtbare Spermien, die Entscheidungen des jüngeren Selbst zu bereuen und auf ein verkürztes und in der Qualität stark eingeschränktes Leben vorauszublicken, ist ein Szenario, das sich wohl die wenigsten mit 20 vorstellen oder wünschen.
Vorbildwirkung: Das Problem ist ebenfalls, dass die wenigen Menschen, die damit ihr Geld verdienen, erfolgreich sind und auch kaum Nebenwirkungen spüren, es so aussehen lassen, als wäre dies für jeden möglich. Doch die Wahrheit ist, dass es sich dabei um eine Handvoll genetisch gesegneter Menschen handelt, die einfach nur Glück damit hatten. Die vielen, vielen weiteren Athleten, die massive Schäden davontragen oder von Akne, Gynäkomastie und Fertilitätsverlust geplagt werden, sind hingegen unsichtbar und schaffen es nicht auf die Bildfläche - nicht zuletzt, weil wohl kaum jemand dieser Menschen stolz auf seine falschen Entscheidungen ist. Dadurch wird allerdings eine unrealistische Erwartungshaltung geschaffen, die jungen, motivierten Bodybuildern suggeriert, dass mit ein bisschen “Hilfe” auch für sie eine Pro Card oder auch einfach nur die persönliche Traumfigur möglich wäre. Also fangen sie viel zu früh an, PEDs zu konsumieren und 95% bereuen es irgendwann, während die verbleibenden 5% sich online präsentieren und der nächsten Generation wieder als gefährliches Rollenbild dienen.
Zusammenfassung
Der Gebrauch von PEDs ist im Profibodybuilding Gang und Gebe. Was den wenigen, international erfolgreichen Athleten es aber ermöglicht, übermenschliche Mengen an Muskelmasse aufzubauen, ist für den Rest der Bevölkerung und auch der Fitnessstudiobesucher eigentlich nicht notwendig. Natürlich ermöglichen anabole Steroide und Co. es jedem potenziell, mehr Muskeln aufzubauen. Doch das können Zeit, Geduld und hartes Training genauso bewirken, wenn auch in vielleicht geringerem Ausmaß. Leider haben die sozialen Medien und der ständige Vergleich mit den außergewöhnlichsten Erscheinungen der Welt dazu geführt, dass das nicht mehr auszureichen scheint. Doch trotzdem möchte ich auch an jene appellieren, die sich der gesundheitlichen Auswirkungen bewusst sind, vielleicht noch etwas zuzuwarten. Noch ein, zwei Jahre zu warten und natural zu bleiben hat noch nie jemandem geschadet und wenn der Wunsch nach “mehr” dann immer noch besteht, ist es auch dann noch nicht zu spät, auf die dunkle Seite zu wechseln. Natürlich entscheidet am Ende jeder selbst, was er/sie tut, doch wenn auch nur eine Person ihre Entscheidung nach diesem Artikel noch einmal überdenkt, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Wie stehst du zum Einsatz von PEDs - sowohl im Profibodybuilding als auch im Amateursport? Hast du vielleicht selbst etwas “im System” und hast du deine Entscheidung schon einmal bereut? Lass mich deine Meinung gerne wissen und pass auf dich auf! Alles Gute, Jakob