Gesundes Bodybuilding
Sport ist eines der gesündesten Dinge, die man überhaupt tun kann. Keine andere Tätigkeit verbessert die Lebensqualität und sogar die -quantität so sehr wie Bewegung, wenn diese im richtigen Ausmaß betrieben wird. Die meisten Menschen haben ein Problem damit, sich zu wenig zu bewegen und unser zunehmend auf sitzende Tätigkeiten ausgerichtetes Umfeld trägt ebenfalls einen großen Teil dazu bei. In Kombination mit immer leichter verfügbaren “Ultra-processed-foods” oder kurz UPFs, die neben ihrem exzellenten Geschmacksprofil leider auch eine enorme Energiedichte aufweisen, haben diese beiden Faktoren für ein großes, globales Gesundheitsproblem gesorgt: Übergewicht. Kaum ein anderer Risikofaktor erhöht die Wahrscheinlichkeit für diverse Folgeerkrankungen in einem vergleichbaren Ausmaß wie ein zu hohes Körpergewicht, welches durch Bewegungsmangel und schlechte Ernährung stark begünstigt wird. Bodybuilder, die sowohl sehr regelmäßig trainieren und auf ihre Ernährung achten haben somit eigentlich das perfekte Hobby gefunden, welches enorm gesundheitsfördernd sein kann. Doch einige Trends der letzten Jahre haben dazu geführt, dass davon bei vielen Sportlern leider nicht mehr viel übrig geblieben ist.
Bodybuilding als Hobby
Ein Hobby muss nicht zwingend gesundheitsfördernd sein. Jede Sportart, die mit einem gewissen Leistungsanspruch betrieben wird, birgt auch gewisse gesundheitliche Risiken, etwa diverse Verletzungen, die man sich auf der Piste, dem Fußballplatz oder in der Turnhalle zuziehen kann. Aus dieser Perspektive ist Krafttraining an Maschinen und auch mit freien Gewichten bei korrekter Übungsausführung wohl eines der sichersten Hobbys überhaupt. Außerdem ist es ein enorm erfüllendes Gefühl, Fortschritte zu erzielen, sich stetig zu verbessern und so einen Ort zu haben, an dem man an sich, aber nur für sich arbeiten kann und darf. Ich verstehe diese Leidenschaft und teile sie mit all jenen, die gerne frühe Morgen oder späte Abendstunden damit verbringen, Gewichte zu stemmen, was lange Zeit mit starken Vorurteilen behaftet war, doch es mittlerweile immer mehr in den Mainstream schafft - auch aufgrund der zahlreichen gesundheitlichen Vorteile. Trotzdem gibt es einige Risiken, die auch eine an sich ungefährliche Sportart wie das Bodybuilding mit sich bringt, sowohl auf körperlicher, als auch auf mentaler Ebene. Manche davon sind vermeidbar, andere wiederum nicht - es geht mir jedoch nicht darum, die Art und Weise, wie jemand Bodybuilding für sich betreiben möchte, moralisch zu beurteilen. Ich respektiere jedes einzelne individuelle Motiv, aus dem verschiedene Menschen ins Fitnessstudio gehen, ihre Ernährung bewusst planen und diesen Prozess so für sich gestalten, wie er sie mit Freude erfüllt. Doch ich möchte im Folgenden dennoch sachlich über einige Dinge aufklären, über die es sich zumindest lohnen könnte, einmal zu reflektieren, damit das Bodybuilding für jeden Leser und jede Leserin auch das bleibt, was es sein sollte, nämlich ein bereichernder und erfüllender Prozess und keine Strafe oder Kompensation.
Problem #1: Vergleiche, Genetik, Social Media
Es ist eine Sache, eine Leidenschaft mit anderen Menschen zu teilen, sich darüber auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Was jedoch heutzutage auf Social Media passiert, hat mit gegenseitiger Unterstützung leider oft - nicht immer - nicht mehr viel zu tun. Beleidigende Kommentare, unrealistische Schönheitsideale und ungesunde und schädliche Praktiken bekommen am meisten Aufmerksamkeit und erzeugen einen Druck, einem Standard entsprechen zu müssen, der für 99% aller Menschen nicht erreichbar ist. Was früher auf Magazinen abgedruckt wurde und so zumindest halbwegs in Schach gehalten werden konnte, ist heute nur einen Fingertipp entfernt. Und das Schlimmste dabei ist, dass jene “Influencer”, die mit extrem niedrigem Körperfettanteil, ausladender Oberweite oder perfekt geformten Muskeln in die Kamera reden, oft behaupten, dass “jeder” das schaffen könnte, was sie erreicht haben. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden zu entmutigen und davon abzuhalten, seinen Körper formen zu wollen, doch um ein gewisses Aussehen erlangen zu können, benötigt man auch gewisse genetische Voraussetzungen, die den wenigsten Menschen vorbehalten sind. Das soll weder eine Ausrede sein, noch bedeuten, dass nicht jeder große Erfolge für sich erzielen kann - doch man sollte dabei immer im Kopf behalten, dass wir alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen starten und wie viel Arbeit wir investieren nicht immer im Vergleich mit anderen ein “gutes” Ergebnis bedeuten muss. Was jedoch auf jeden Fall garantiert ist, ist dass wir UNS SELBST verbessern - und das sollte auch die einzige Motivation sein, die uns antreibt. Alles andere ist nämlich zum Scheitern verurteilt, was zwar nicht fair, aber eben doch so ist.
Es sollte uns aber nicht die Freude am Prozess oder am Sport rauben: Ich selbst begann in einer Zeit mit dem Krafttraining, in der ich Instagram noch fast ein ganzes Jahrzehnt nicht auf meinem Handy installiert haben sollte. Natürlich gab es damals schon “Vergleichswerte” in Magazinen und damals noch verstärkt auf YouTube, die mich motivierten, doch mich interessierte mehr, zu was ich selbst in der Lage war. Durch meine schlechten genetischen Voraussetzungen war ich immer schon vergleichsweise “schwach” gewesen und auch nach einem Jahrzehnt des Krafttrainings habe ich kaum sichtbare Muskeln aufgebaut. Oft würde ich mir natürlich auch wünschen, dass es “sichtbarer” wäre, wie sehr ich mich im Gym verausgabe, doch gleichzeitig genieße ich den Prozess in erster Linie für mich selbst. Ich habe aufgehört, mich mit genetisch gesegneten Ausnahmeerscheinungen oder Profibodybuildern im Internet zu vergleichen und akzeptiert, dass ich sicherlich nie den “Traumkörper” erreichen werde, den ich mir am Beginn meiner Trainingskarriere vorgestellt habe. Aber das ist auch nicht schlimm, denn im Vergleich zu meinem jüngeren Selbst habe ich definitiv Fortschritte gemacht und ich finde ständig neue Wege und Möglichkeiten, dass dies auch weiter so bleibt. Und das ist es auch, was für mich den Prozess so aufregend und erfüllend macht und es macht mich viel glücklicher, mein Training und meine Ernährung bewusst gut zu gestalten, als mich der perfekte Körper mit nur halbem Einsatz jemals machen könnte. Natürlich gibt es auch Tage, an denen mir diese Einstellung abhanden kommt, doch ich möchte immer dann mit mir zufrieden sein können, wenn ich weiß, dass ich für mich das Beste herausgeholt habe - und dann ist es auch egal, ob das Ergebnis im Endeffekt “instagrammable” ist oder nicht.
Problem #2: Die “Pro Card” und PEDs
Durch den online entstehenden Vergleichsdruck und die vielen Influencer, die links und rechts Bodybuilding-Wettkämpfe bestreiten und Pro Cards abstauben könnte man den Eindruck bekommen, dass es im Bodybuilding jedem möglich ist, ein Profisportler zu werden. Anders als im Fußball, Basketball oder anderen Sportarten, bei denen Technik, Spielverständnis und andere Faktoren nämlich ebenfalls mitspielen - neben der entsprechenden Physis - steht im Bodybuilding nämlich ein optisches Erscheinungsbild und keine sportliche Leistung im Vordergrund. Noch dazu sind die Bewertungskriterien höchst subjektiv und durch die (fast) ausschließlich körperliche “Leistungskomponente” (zumindest oberflächlich) glauben viele, allein durch Arbeit den Weg zum Profi schaffen zu können. Und nicht einmal die Gene scheinen einem im Weg zu stehen, denn in keiner anderen Sportart ist es so allgemein anerkannt und akzeptiert, dass bei Profisportlern leistungssteigernde Substanzen zum Einsatz kommen. Anabole Steroide und Co. zu nutzen ist demnach auf Bodybuilding-Shows kein Ausschlussgrund, sondern mehr ein Zeichen von “Professionalität”, wodurch die Hemmschwelle, diese zu nutzen, extrem herabgesetzt wird. Auch weniger begabte Sportler glauben, durch höhere Dosierungen ihre schlechten Gene wettmachen zu können, indem sie einfach “mehr nehmen”, was aber ein gefährlicher Trugschluss ist. Und dennoch kann man nicht leugnen, dass Steroide wirken - und das leider auch noch höchst effektiv. Spüren vor allem junge Sportler erst einmal den Effekt, entsteht so schnell eine Abhängigkeit von den Substanzen, die neben den Muskeln ja auch noch Aufmerksamkeit und Anerkennung mit sich bringen. Sie erhöhen damit aber auch den Druck auf andere Jugendliche und junge Erwachsene in ihrem Alter, denn natürliche, von Mutter Natur bestimmte Grenzen, können nun plötzlich verschoben werden und es gibt wirklich keine “Ausrede” mehr, nicht die nächste atemberaubende Transformation auf Instagram zu sein. So entsteht ein Teufelskreis aus immer mehr hochkompetitiven Sportler, die immer größere Mengen an PEDs konsumieren, um noch schneller noch stärker, muskulöser und definierter zu werden - und sogar Frauen greifen immer öfter zu leistungssteigernden Präparaten.
Doch dieser Substanzkonsum hat seinen Preis: Es ist nicht eine Frage ob, sondern nur wann und mit welcher Intensität Nebenwirkungen auftreten. Entgegen der oft verharmlosenden Erfahrungsberichte sind diese nämlich keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel - und jene, die nicht unter Haarausfall, Akne und längerfristig Herz-, Leber- und Nierenproblemen leiden hatten lediglich Glück. Es gibt auch keine Methode, den Konsum so zu gestalten, dass diese Nebenwirkungen ausbleiben, es kann lediglich Schadensbegrenzung betrieben werden. Durch wachsames Begleiten von erfahrenen Coaches oder medizinisch geschulten Experten können potenziell irreversible Schäden vielleicht erkannt werden, vor es zu spät ist, doch ein Restrisiko für Komplikationen besteht immer. Und auch, wenn die Nebenwirkungen vielleicht nicht unmittelbar lebensbedrohlich sind, so können sie doch den Verlauf des restlichen Lebens stärker beeinflussen, als vielen vielleicht zu Beginn bewusst ist. Wer auf Basis von genügend Information sich dennoch dazu entscheidet, PEDs zu nutzen, kann dies natürlich tun, sollte sich aber dafür einen sehr guten Coach suchen, der in seinem/ihrem besten Interesse handelt und nicht nur eine Wettkampfplatzierung im Auge hat. Denn egal wie groß die Leidenschaft für einen Sport ist, dafür seine Lebens- und Familienplanung aufs Spiel zu setzen (sollte sich diese nicht mit dem PED-Konsum vertragen), ist ein Glücksspiel, bei dem man eigentlich nur verlieren kann.
Zusammenfassung und Fazit
Bodybuilding ohne Vergleiche und ohne PEDs kann sehr gesund sein - doch beides gehört eben zu dem Sport dazu und macht ihn teilweise (leider) auch aus. Trotzdem bedeutet das nicht, dass sich jeder Freizeitathlet an dem Spiel mit der eigenen Gesundheit beteiligen muss. Soziale Medien und online-Vergleiche sorgen jedoch dafür, dass der Druck besonders auf junge Sportler dabei immer größer wird und es immer schwerer wird, der Versuchung zu widerstehen. Fakt ist, dass PEDs auch bei schlechten Genen wirken - und das nicht zu knapp. Doch ebenso stark wie deren anabole Wirkung können auch die Nebeneffekte - sowohl kurz- als auch langfristig - ausfallen. Wenn man in der persönlichen Abwägung von Chancen und Risiken sowie der eigenen Werte und Prioritäten dennoch zu dem Schluss kommt, leistungssteigernde Substanzen nutzen zu wollen und sich an dem Vergleich mit anderen zu beteiligen (weil auch das natürlich Spaß machen kann), dann ist das natürlich vollkommen in Ordnung. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es auch einen Weg gibt, ohne diese ganzen (beinahe garantierten) gesundheitlichen Auswirkungen einen Weg gibt, Bodybuilding zu betreiben, sich zu verbessern und den Prozess zu genießen. Auch wenn dieser Weg weniger oft Beachtung bekommt.
Warum bist du zum Bodybuilding bekommen? Was treibt dich an? Glaubst du, deine Bestform wäre dir genug oder müsste sie auch im Vergleich mit anderen gut abschneiden und wie weit wärst du dafür bereit zu gehen? Lass mich deine Meinung gerne wissen und teile den Artikel mit jemandem, der ihn auch lesen sollte! Alles Gute und pass auf dich auf! Jakob