Steroide für junge Männer gar nicht so schlimm?

Wie man am Titel dieses Artikels bereits unschwer erkennen kann, geht es heute um die Konsequenzen, die der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen für junge, gesunde Männer hat bzw. haben kann. Es wird immer wieder die These aufgestellt, dass besonders, wenn man es mit Dosierungen nicht übertreibt, ein gewisses Maß an “Unterstützung” durch Androgene zum Zweck des Muskelaufbaus gar nicht so schädlich sei, wenn es sich bei den Anwendern um männliche Athleten handelt. Die Überlegung, die dahintersteckt, ist, dass der männliche Körper besonders in jungen Jahren ja über eine ausgeprägte körpereigene Androgensynthese verfügt und diese von außen anzuheben nicht so gravierende Folgen haben kann. Schließlich ist der Organismus mit den Substanzen ja “vertraut” und selbst wenn Auswirkungen auf beispielsweise die körpereigene Produktion oder die Fertilität auftreten sollten, könnten diese auch wieder rückgängig gemacht werden. Dies sei hingegen bei weiblichen Anwenderinnen nicht der Fall, doch solange es sich um ansonsten gesunde, junge Athleten handle, spreche aus gesundheitlicher Sicht nur wenig gegen eine exogene Zufuhr von Androgenen bzw. anabolen Steroiden.

Fertilität und körpereigene Hormonproduktion

Im Hinblick auf die Fruchtbarkeit ist diese Behauptung weitestgehend sogar korrekt. In dem Moment, in dem Testosteron von außen zugeführt wird, unterbricht der Körper zwar vollständig seine eigene Synthese (man spricht von einem Herunterfahren der gonadalen Achse, was mit einem Abfall der Hormone LH, FSH und letztlich Testosteron einhergeht). Wird diese exogene Zufuhr jedoch wieder beendet, so besitzt der Organismus durchaus die Fähigkeit, nach einer gewissen Zeit wieder selbst in einem gesunden Maße Sexualhormone zu produzieren. Auch die Spermienreifung ist - eben aufgrund des Abfalls von LH und FSH - während einer Testosteronzufuhr ausgesetzt, doch auch hier ist es in den meisten Fällen möglich, nach Beendigung der “Kur” nach einer gewissen Zeit wieder gesunde Spermien zu produzieren. Ist das “Gespenst” der Unfruchtbarkeit, das von Dopinggegnern an die Wand gemalt wird, also komplett aus der Luft gegriffen?

Wenn man nur die physiologischen Mechanismen auf dem Papier betrachtet, dann könnte dieser Eindruck entstehen, doch die Praxis sieht leider etwas anders aus. Je nach Menge und Expositionsdauer kann es auch sehr lange dauern, bis sich die gonadale Achse erholt hat. Es mag zwar nicht der Regelfall sein, aber auch eine langfristig bestehende Unfruchtbarkeit kann nach exzessivem Steroidkonsum eine bleibende Folge sein - auch für Männer. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zwar zugegebenermaßen um Einiges kleiner als bei Frauen, jedoch keineswegs ausgeschlossen und viele Bodybuilder treffen deshalb auch Vorkehrungen, indem sie - vor Beginn einer “Unterstützung” - Spermien einfrieren lassen, nur für alle Fälle.

Hinzu kommt, dass bei jungen Männern, bei denen sich diese Systeme wahrscheinlich am ehesten noch erholen, während einer aktiven Applikation von Steroiden ein Kinderwunsch jedoch ausgeschlossen ist. Und wenn dieser irgendwann dann doch auftritt, dann kann nicht einfach davon ausgegangen werden, dass nach Absetzen der Hormone der Körper in ein, zwei Monaten wieder zeugungsfähig ist. Bis sich die hormonelle Achse vollständig erholt hat und auch die Qualität der männlichen Keimzellen wieder hoch genug ist, kann es auch mehrere Monate - vielleicht sogar Jahre dauern. Natürlich gibt es auch hier pharmakologische Wege, diesen Prozess zu erleichtern (man spricht von einem “post-cycle-treatment” oder PCT), doch ganz so harmlos, wie anabole Steroide dargestellt werden, sind sie dann doch nicht - auch nicht, was die Fruchtbarkeit betrifft.

Kardiovaskuläres System

Abgesehen von der körpereigenen Hormonproduktion und Fruchtbarkeit ist das Argument, dass der Körper sich “wieder erholt” jedoch nicht wirklich haltbar. Steroide haben langfristige Gesundheitsschäden, und das gilt für junge Männer genauso wie für Frauen. Besonders, wenn man das kardiovaskuläre System betrachtet, kann nicht wirklich behauptet wären, dass supraphysiologische Level von Androgenen im Blut spurlos am Körper vorübergehen. Zu beobachten sind nicht nur ein erhöhter Hämatokritwert und ein ungünstiges Lipidprofil mit einer Erhöhung des “schlechten” Cholesterins, sondern auch ein höherer Blutdruck und eine linksventrikuläre Hypertrophie. Diese Nebenwirkungen treten bei jungen Menschen genauso auf wie bei älteren und sind geschlechtsunabhängig. Und auch die Begründung, dass diese Blutwertverschiebungen doch erst nach einiger Zeit zu Plaquebildungen und anderen Schäden führen, ist in meinen Augen auch etwas zu kurz gegriffen.

Ja, es ist durchaus korrekt, dass ein veränderter Cholesterinspiegel im Blut für ein Jahr noch keinen Herzinfarkt macht - doch gesund ist er trotzdem nicht. Wenn man angeborene Gendefekte wie eine familiäre Hypercholesterinämie betrachtet, dann fällt auf, dass hier schon in jungen Jahren kardiovaskuläre Komplikationen in Folge eines massiven Plaque-Buildups auftreten. Alleine das Alter schützt demnach vor Krankheit nicht. Und selbst wenn sich gewisse Schäden an den Gefäßen auch wieder zurückbilden können, wird dabei ja immer davon ausgegangen, dass der Steroidkonsum nach 2-3 Jahren wieder beendet wird. Die Erfahrung zeigt aber, dass besonders bei sehr jungen Nutzern dies aber eher die Ausnahme als die Regel ist. Und wenn nach 10 Jahren eventuell doch die gesundheitlich beste Entscheidung getroffen wird, dann können auch schon Veränderungen des Herzmuskels entstanden sein, die nicht mehr reversibel sind. Hier muss man sich diesen lebenswichtigen Muskel ein bisschen wie eine Waschmaschine vorstellen: diese leistet für viele Jahre zuverlässige Arbeit, doch je intensiver und je mehr sie genutzt wird, desto eher wird es zu Abnützungserscheinungen kommen, bis sie eines Tages ausgetauscht werden muss. Ähnlich ist es auch mit dem Herz: durch den erhöhten Blutdruck und auch das direkt durch Steroide induzierte Wachstum muss das Herz bei jeder einzelnen Kontraktion mehr Arbeit verrichten, selbst wenn sich die Person nicht anstrengt. Das führt über kurz oder lang zu einer chronischen Überbelastung, bis das Herz den Bedarf nicht mehr ganz stillen kann und eine Herzinsuffizienz auftritt. Dieser Effekt, dass ein viel beanspruchtes Herz früher zu Leitungsstörungen oder einem plötzlichen Herztod neigt, ist übrigens auch bei kompetitiven Ausdauersportlern zu beobachten. Diese haben jedoch den Vorteil, dass auf Phasen intensiver Belastung (während Training und Wettkampf) auch wieder sehr entspannte Zeiten für das Herz folgen, da diese Sportler (im Gegensatz zu Steroidnutzern) in der Regel keinen erhöhten Blutdruck und sogar einen sehr niedrigen Ruhepuls haben. In der Nacht wird demnach das Herz geschont, während es bei Bodybuildern 24/7 Höchstleistung erbringen muss - und deswegen auch früher zu schwächeln beginnt oder ganz den Geist aufgibt.

In welchem Ausmaß ein Athlet von diesen Folgen betroffen ist, bleibt natürlich höchst individuell und kann nicht über den Kamm geschert pauschal vorhergesagt werden. Die Annahme, dass Steroidkonsum für junge Männer im Hinblick auf die kardiovaskuläre Gesundheit jedoch folgenlos wäre, ist so nicht richtig und verharmlost die potenziellen Risiken immens.

Abhängigkeitspotenzial

Man könnte auch bei anderen Organen argumentieren, dass diese sich nach einer gewissen Zeit wieder von der schädlichen Wirkung anaboler Steroide erholen werden. Gerade in Bezug auf die Leber, ein sehr widerstandsfähiges Organ, wird das sogar auch zustimmen, jedoch möchte ich die grundlegende Annahme hier etwas in Frage stellen. Wer garantiert denn, dass der “Stoffkonsum” wirklich beendet wird, bevor bleibende Schäden entstanden sind? Wie lange und in welcher Dosierung kann man davon ausgehen, dass dies so der Fall ist? Wie treffsicher sind Vorsorgeuntersuchungen oder gibt es nicht vielleicht auch pathologische Prozesse, die alleine durch Blutbilder, Echokardiographie oder EKG nicht abgebildet werden können? Diese Fragen können zum Zeitpunkt des Starts einer “Kur” von keinem der beteiligten wirklich seriös beantwortet werden.

Hinzu kommt ein Faktor, der wahrscheinlich auch von vielen jungen Menschen, denen ihre Gesundheit doch langfristig am Herzen liegt, unterschätzt wird. Sie beginnen eine “Unterstützung” auf pharmakologischer Ebene mit dem Vorsatz, dann aufzuhören, wenn bleibende Schäden drohen. Nun kommt aber das Problem: anabole Steroide wirken, und zwar nicht zu knapp. Sie sorgen nicht nur für einen beschleunigten Muskelaufbau, sondern bei nicht wenigen Anwendern auch für eine gesteigerte Lebensqualität durch die erhöhte Leistungsfähigkeit und das Selbstvertrauen, das sie dadurch gewinnen. Treten diese Effekte erst einmal ein, so ist es nicht schwer, sich daran zu gewöhnen und vielleicht die eigenen Vorsätze nicht mehr so ernst zu nehmen wie man es zu Beginn getan hat. Aus verständlichen und nachvollziehbaren Motiven steigt die individuelle Risikobereitschaft vielleicht doch mehr an, weil man sich ja an sich “gesund” fühlt. Doch diese scheinbare und oberflächliche Gesundheit ist trügerisch, denn sobald sie weggeht, ist es meist schon zu spät und irreversible Folgen sind bereits eingetreten. So können auch anfangs “vernünftige” Ansätze schnell aus dem Ruder laufen, weil die “Belohnung”, die durch die exogene Hormonzufuhr eintritt, einen verhaltensverstärkenden Effekt hat und so ein suchtähnliches Verhalten fördern kann.

Noch dazu kann niemand im Vorhinein seriös vorhersagen, wie ein Körper auf Hormone von außen reagiert, sowohl in der Wirkung, als auch bei den Nebenwirkungen. Während manche, genetisch gut aufgestellte Individuen also selbst nach Jahren noch kaum Folgen haben und nur alle Vorteile aus dieser Zeit mitnehmen (was nebenbei bemerkt eher die Ausnahme als den Regelfall darstellt), so spüren andere schon viel früher Nebenwirkungen oder müssen viel gesundheitsschädlichere Dosierungen applizieren, um überhaupt einen Effekt zu spüren.

Fazit

Auch wenn ich nachvollziehen kann, unter welcher Prämisse die Behauptung, dass junge Männer von Steroiden gesundheitlich nicht so stark gefährdet werden, muss ich ihr dennoch vehement widersprechen. Auch wenn es für einige wenige zutreffen mag, dass alle Folgen nur vorübergehend und reversibel bleiben, so gibt es leider auch genügend Gegenbeispiele, die ihrem Konsum zum Opfer fallen und viel zu früh versterben. Anabole Steroide deshalb so verharmlosend zu präsentieren, ist gefährlich und sicher der Gesundheit vieler junger Menschen nicht zuträglich. Egal wie alt, egal wie erfahren und egal, wie risikobereit - anabole Steroide sind für alle gleichermaßen gesundheitsgefährdend und sollten nicht euphemistisch dargestellt werden. Es werden sich am Ende des Tages wahrscheinlich dennoch einige dafür entscheiden, den Schritt auf die “dunkle Seite” zu gehen und dieses Recht, selbst über seinen eigenen Körper zu bestimmen, respektiere ich natürlich. Doch ich hoffe, dass dieser Artikel zumindest auch diesen Menschen bewusst macht, dass ihr Risiko für Folgeerscheinungen genauso vorhanden ist wie es bei anderen demographischen Gruppen der Fall ist, auch wenn die Probleme vielleicht unterschiedlich gelagert sein können.

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