Sind PEDs das Risiko wert?

In der Bodybuilding-Szene ist der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen, allen voran die anabolen, androgenen Steroide (AAS), weit verbreitet. Deren muskelaufbauender Effekt wird von Athleten im Profibereich gezielt ausgenutzt, um beeindruckende und übermenschlich anmutende Körper aufzubauen und den diversen Bühnen dieser Welt zur Schau zu stellen. Aber auch Menschen, die einfach ihre Resultate im Fitnessstudio verbessern wollen, greifen sehr oft zu leistungssteigernden Substanzen - oftmals ohne dabei die möglichen Begleiterscheinungen und Auswirkungen auf ihre Gesundheit ernst zu nehmen. Was man dazu wissen muss, erfährst du im folgenden Artikel.

Motivlage für den Gebrauch von Testosteron und Co.

Es liegt in der Natur des Menschen, egal in welchem Lebensbereich gut abzuschneiden. Sei es die Berufswelt, das Privatleben - Ansehen und das Gefühl von Stärke und Selbstwirksamkeit sind sehr mächtige intrinsische Motivatonsfaktoren, die uns alle antreiben. Besonders sportliche Menschen leben oft von der Herausforderung: sich mit jedem Training zu verbessern, Spiele zu gewinnen oder in Wettkämpfen gut abzuschneiden fühlt sich einfach gut an, gibt Selbstvertrauen und sorgt für eine Steigerung des Selbstwertes. Um dieses Gefühl zu erreichen, sind Menschen zu allen möglichen Dingen bereit: Manch einer kauft das teuerste Equipment, andere investieren Unsummen in Wettkampfreisen, Trainingspläne oder bezahlen persönliche Trainerstunden. Doch die Opfer, die für dieses “erhebende” Erlebnis erbracht werden, gehen auch über den finanziellen Aspekt hinaus: auch viel Zeit, manchmal zulasten anderer Lebensbereiche wird aufgewandt, um mehr trainieren und sich verbessern zu können. Dem ist grundsätzlich auch nichts entgegenzusetzen, schließlich kann ich diesen Antrieb durchaus nachempfinden und lebe selbst täglich ein ähnliches Leben.

Ich möchte damit nur versuchen, zu erklären, warum besonders fitnessaffine Menschen zu anabolen Steroiden und Co. greifen: diese Substanzen ermöglichen es ihnen nämlich, das primäre Ziel, für das sie trainieren, leichter und schneller zu erreichen als es auf natürlichem Wege der Fall wäre. Hinzu kommt, dass Doping im Bodybuilding und auch in vielen nicht-olympischen Kraftsportarten nicht verboten ist und der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen im Profibereich Gang und Gebe ist. Darüber hinaus bewirken supraphysiologische Testosteronspiegel bei Männern, aber auch Frauen oftmals ein Hochgefühl, als ob sie Bäume ausreißen könnten und unbezwingbar wären. Nur leider nicht ohne Konsequenzen…

Der gesundheitliche Haken

Anabole, androgene Steroide führen nämlich, egal in welcher Menge sie konsumiert werden, zu gesundheitlichen Schäden. Vor allem das Herz-Kreislauf-System wird in Mitleidenschaft gezogen, doch auch andere Organe können bleibende Schäden davontragen, ganz zu schweigen von den virilisierenden Nebenwirkungen, die AAS auf Frauen haben. Dabei ist es weniger eine Frage ob, sondern eher nur wann diese unerwünschten Effekte auftreten und wie heftig sie ausfallen. Abhängig von Dosis und Expositionsdauer, aber eben auch von der individuellen Genetik eines/r jeden/r NutzerIn kann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostiziert werden, dass PEDs hochgradig gesundheitsschädlich wirken werden, egal um welche Person es sich handelt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Steroidkonsumenten ein vielfach erhöhtes Risiko haben, unabhängig von ihrem Alter zu versterben. Es ist somit durchaus wahrscheinlich, dass prolongierter PED-Konsum zu einer reduzierten Lebenserwartung führt und nur wenige Glückspilze vom Schicksal verschont bleiben.

Es ist natürlich möglich, durch engmaschige Kontrollen verschiedener Laborparameter und regelmäßige ärztliche Kontrollen dieses Risiko zu verkleinern. Durch aktives Management und Gegenmaßnahmen bei Blutbildveränderungen wie etwa einem erhöhten LDL-Spiegel oder Hämatokrit mag die akute Gefahr eines lebensbedrohlichen Ereignisses zwar reduziert werden, doch ganz aufgehalten wird der körperliche Verschleiß dadurch ebenso nicht. Und auch bei aktivem Gesundheitsmonitoring treten früher oder später strukturelle Veränderungen auf, die in den allermeisten Fällen kaum reversibel sind wie beispielsweise eine verdickte Herzscheidewand. Solche Nebenwirkungen sind dann auch der Grund dafür, warum selbst nach Beendigung des Steroidkonsums die Sterbewahrscheinlichkeit bis ans tatsächliche Lebensende erhöht bleibt.

Kosten-Nutzen-Abwägung

Da kein Sport auf Leistungsebene wirklich “gesund” ist, argumentieren manche Steroidnutzer damit, dass die gewonnene Lebensqualität die verminderte Lebensdauer für sie aufwiegen würde, da es sich ja allenfalls um wenige Jahre handeln würde. Auch wenn ich diese Sichtweise natürlich respektiere, hat sie in meinen Augen jedoch 2 Haken:

  1. Es gibt keine Garantie. Alle Daten, die zur Abschätzung des Risikos zur Verfügung stehen, bilden ein durchschnittliches Risiko ab. Doch je länger und mehr Steroide genutzt werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass dieses Unterfangen keinen guten Ausgang nimmt. Darüber hinaus ist das proaktive Gesundheitsmanagement oftmals mehr ein Wunschdenken als die Realität. Denn so lange die Gesundheitsparameter noch halbwegs im Rahmen sind, muss man ja nicht zwingend etwas daran ändern, was man tut und das gewonnene Hochgefühl nicht aufgeben. Doch sobald vielleicht bedenkliche Werte auftauchen und eine Dosisreduktion, eine teure begleitende Therapie oder regelmäßigere Kontrollen beim Arzt, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sinnvoll wären, werden schnell die Augen vor den längerfristigen Konsequenzen verschlossen. Diese Reaktion ist zutiefst menschlich, weil niemand gerne das aufgibt, was er/sie sich zum Teil ja auch hart selbst erarbeitet hat, doch leider schützt dies nicht vor den Folgeerscheinungen, die sich durch zögerliches Handeln ergeben.

  2. Wie viel Lebensqualität wird tatsächlich gewonnen? Es ist zwar unbestritten, dass AAS wirken, doch bei Weitem nicht jeder Mensch, der diese konsumiert, sieht auch danach aus. In Wirklichkeit ist eher das genaue Gegenteil der Fall: oft werden absurd hohe Mengen an leistungssteigernden Substanzen konsumiert OHNE dass dies auch nur ansatzweise durch die Resultate gerechtfertigt wäre. So schaden diese Personen zwar sehr wohl ihrer Gesundheit, bekommen aber aufgrund schlechter genetischer Voraussetzungen bei Weitem nicht das heraus, was sie sich davon erhoffen. Anstatt dies zu akzeptieren und zumindest den Gesunheitsschaden zu verringern, wird oft das Gegenteil getan und die Dosis noch erhöht, was jedoch auch nicht zu einem ästhetischeren Aussehen führt, wenn die Genetik dafür nicht gegeben ist. So entwickelt sich ein Teufelskreis, aus dem ein Ausbrechen nur mit sehr viel Willenskraft, Akzeptanz und Selbstreflexion möglich ist.

Hohe Erwartungshaltung

Wer den Fitnesssport mit Leidenschaft betreibt, findet natürlich am Ergebnis Freude, aber auch am Prozess des “sich verbesserns”. Steroide ermöglichen dies natürlich in einem Ausmaß, wie es ohne sie niemals möglich wäre. Und trotzdem sind viele Menschen am Ende enttäuscht davon, was tatsächlich am Ende herauskommt - wie kann das sein?

Es kann nicht abgestritten werden, dass exogen erzeugte, supraphysiologische Spiegel an Androgenen oder Wachstumshormonen den Muskelaufbau nicht erleichtern würden. Das Problem dabei ist nur, dass zwar Kraft- und Muskelzuwächse garantiert sind, dies alleine aber noch lange nicht das Aussehen garantiert, dass sich viele davon versprechen. Um Muskulatur an den “richtigen Stellen” aufzubauen und diese auch durch einen entsprechend niedrigen Körperfettanteil sichtbar zu machen, braucht es auch das richtige, geplante Training und eine zielgerichtete Ernährungsweise. Doch selbst, wenn auch diese Parameter optimiert werden, ist es eine Illusion, genau den Körper schaffen zu können, den man sich vorstellt. Durch soziale Medien und den ständigen Vergleich mit anderen kann schnell der Eindruck entstehen, dass es mit der richtigen “Unterstützung” doch jedem möglich sein müsste, den “Look” zu erreichen, den man sich vorstellt. Was in der Theorie verlockend klingt, ist jedoch leider so nicht richtig, da Knochenstruktur, Körperbau und andere, genetisch vorbestimmte Rahmenbedingungen es manchen Menschen verunmöglichen, eine schmale Taille zu bekommen, egal wie viel “Hilfe” in Anspruch genommen wird.

Kurzum: Steroide garantieren zwar Muskelaufbau, jedoch noch lange keine Ästhetik. Dennoch wird dies von vielen angenommen und trotz mancher Erfolge bleiben die wirklich erhofften Resultate aus - was dann auf zu geringe Mengen an “Stoff” geschoben wird, obwohl die notwendigen Voraussetzungen struktureller Natur ganz einfach nicht gegeben sind. Natürlich ist das nicht “fair”, aber dennoch muss es ausgesprochen werden, um falsche Hoffnungen aufzuklären und eine realistische Erwartungshaltung zu schaffen - denn unter dieser Prämisse wird die Entscheidung, anabole Steroide zu nutzen, vielleicht von vielen Menschen doch noch einmal reevaluiert.

Videospiel-Analogie

Was an Argumenten pro PEDs noch übrig bleibt ist, dass man sich auch bei vielleicht ausbleibenden ästhetischen Ergebnissen dennoch stetig weiter verbessern kann, Muskeln und auch Kraft aufbauen kann und so zumindest die Freude am Trainieren behalten kann. Und natürlich wird dies möglich sein, jedoch immer nur bis zu einem gewissen Plateau, bevor eine erneute Dosissteigerung mit weiteren Gesundheitsauswirkungen “notwendig” wird. Ist dieser “point of diminishing returns” erreicht, geht es den meisten enhanced Athleten gleich wie allen “naturalen”: Es muss schon viel Geduld und Arbeit an Feinheiten aufgebracht werden, um weiter einen Fortschritt zu erzielen, der zudem noch eher gering ausfallen wird. Natürlich passiert das Ganze auf einem höheren Niveau, aber was ist dieses Niveau wert, wenn es eigentlich nur durch PEDs ermöglicht wird?

Ich spreche keinem enhanced Athleten ab, ebenfalls eine starke Arbeitsmoral zu besitzen und hart und konsistent für Erfolge trainieren zu müssen, und dennoch ist das Niveau, auf dem dies möglich ist, vergleichbar mit einem Videospiel, das mit Cheats gespielt wird. Natürlich wird man dieses schneller “durchgespielt” haben oder weiter kommen als andere, doch die eigenen Fähigkeiten (nämlich Disziplin und Durchhaltevermögen) werden dadurch nicht wirklich größer, sondern nur durch die Cheats verstärkt. Man verschafft sich durch PEDs so einen Vorteil gegenüber naturalen Athleten, den diese niemals aufholen können.

Fazit

Natürlich maße ich mir kein moralisches Urteil darüber an und jeder Mensch sollte selbst entscheiden, wie er sein Leben leben möchte, jedoch sprechen all diese Faktoren, besonders auf gesundheitlicher Ebene, für mich eher dafür, die Finger von leistungssteigernden Substanzen zu lassen. Ja, diese wirken zwar und werden auch für “Fortschritt” und “Erfolg” sorgen, jedoch meist nur auf Kosten der eigenen Gesundheit und Lebenszeit und noch dazu nicht in dem Ausmaß, in dem man es erwartet oder erhofft.

Wer sich aber dennoch dazu entscheidet, pharmakologische “Unterstützung” zu nutzen, muss sich der zahlreichen nicht nur gesundheitlichen, sondern auch rechtlichen und finanziellen Risiken bewusst sein. Begleitend sollte immer eine engmaschige Kontrolle durch kompetentes medizinisches Personal erfolgen, um akute Nebenwirkungen so gut es geht zu vermeiden. Dennoch kann auch diese Überwachung nicht verhindern, dass langfristige Schäden an diversen Organen entstehen können, die mitunter lebensverkürzende Konsequenzen haben können. Und wenn tatsächlich bedenkliche Werte auftreten, sollte man sich im Vorhinein überlegen, ob man wirklich dazu bereit ist, dann die Konsequenzen daraus zu ziehen und diese für sich auch festlegen, denn es kommt nicht selten vor, dass sich, wenn erst einmal mit PEDs begonnen wurde, sich die eigenen “Prioritäten” ganz schnell verschieben und Warnsignale nicht mehr so ernst genommen werden, wie es eigentlich angebracht wäre.

Wie stehst du zu diesem Thema? Welche Argumente würdest du noch in die Diskussion einbringen? Lass es mich gerne wissen und pass gut auf dich und deine Gesundheit auf! Alles Gute inzwischen, Jakob

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