Was ist aus der “Fitness-Szene” geworden?
Bodybuilding ist seit der Corona-Pandemie einer immer breiter werdenden Bevölkerungsgruppe ein Begriff und immer mehr Menschen entwickeln Gefallen an dem Gedanken, einmal einen Wettkampf zu bestreiten. Durch die sozialen Medien hat sich die Fitness-Szene, die früher bereits sehr groß war, sich noch einmal erweitert und es ist zunehmend der Trend zum Bühnensport festzustellen. Steigende Teilnehmerzahlen bei diversen Verbänden und eine immer größer werdende Popularität der Profi-Wettkämpfe untermauern diese Entwicklung. Welche Entwicklungen dadurch in der Online-Fitness-Community vonstatten gehen, ist allerdings nicht nur positiv zu bewerten.
Bagatellisierung und Legitimierung von PED-Konsum
Während neben dem äußeren Erscheinungsbild noch vor einigen Jahren die Gesundheit eines der Hauptmotive war, warum junge Menschen mit dem Fitnesssport begannen, so ist diese heute zunehmend in den Hintergrund gerückt. Für ein bestimmtes Aussehen sind immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene dazu bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen und leistungssteigernde Substanzen wie anabole Steroide sind ein allgegenwärtiges Thema, das in beinahe jedem Podcast offen diskutiert wird. Auch vermeintlich weniger schädliche Substanzen, die allerdings noch gar nicht für den Menschen zugelassen sind, wie etwa die wachsende Medikamentenklasse der Peptide wird offen und mehr oder weniger ohne Warnung vor Nebenwirkungen beworben. Was früher ein Randphänomen war, das als “Schummeln” wahrgenommen und nur im Verborgenen betrieben wurde, ist heute ganz normal und für viele der nächste “logische” Schritt, wenn sie sich dazu entscheiden, einen Bodybuilding-Wettkampf zu bestreiten.
Während es auch früher schon bekannt war, dass die besten Bodybuilder der Welt gewisse Substanzen intus haben mussten, um ein gewisses Aussehen auf den größten Wettkämpfen dieser Welt präsentieren zu können, so gab es zumindest in der breiten Masse noch großen Respekt vor den gesundheitlichen (und auch rechtlichen) Konsequenzen. Weil jedoch zunehmend über die Thematik gesprochen und “aufgeklärt” wurde, wissen heute viele Jugendliche mehr über Nebenwirkungen von supraphysiologischen Testosteronspiegeln Bescheid als so mancher Mediziner. Und auch weil sich immer mehr Amateure offen dazu bekennen, “Stoff” zu nehmen, ist das Thema bei jedem und jeder Fitnessbegeisterten, die sich etwas mehr für den Sport interessiert, inzwischen angekommen.
Keine klare Trennung zum Profisport
Auch die Organisationsstruktur der Wettkämpfe trägt ihren Teil dazu bei, dass immer mehr Menschen auf die “dunkle Seite” wechseln. In anderen Sportarten gibt es eine viel eindeutigere Trennung zwischen Amateur- und Profisport. Im Fußball zählen meist nur die obersten Spielklassen als Profiligen und um sich für einen Vertrag bei einem solchen Verein zu qualifizieren, sind entsprechende Leistungen über einen gewissen Zeitraum und auch eine gute Portion Glück notwendig. Außerdem gibt es viel mehr Einflussfaktoren wie die reine Physis, die über den Erfolg in diversen Sportarten ausschlaggebend sind und Doping ist - anders als im Bodybuilding - natürlich ein absolutes No-Go. Anders verhält es sich beim Hantel- und Bühnensport: Wie viel “Talent” jemand vorweist, ist nicht zwingend von Geschicklichkeit, Skills oder anderen Dingen in Kombination mit einer entsprechenden Physis abhängig. Es sind viel mehr Genetik, Arbeitsmoral und eben auch leistungssteigernde Substanzen, die den Ausschlag geben, ob man in diesem Bereich erfolgreich sein kann oder nicht. Während Fußballer aber an ihrer Technik oder ihrer Physis arbeiten können, stehen ambitionierten Bodybuildern weitaus weniger Stellschrauben zur Verfügung und so sind es oft die PEDs, die unreflektiert und vorschnell eingenommen werden. Natürlich kann am Ende jeder erwachsene Mensch selbst darüber entscheiden, was er mit seinem eigenen Körper anstellen möchte, doch da bei den meisten doch das Ziel im Hinterkopf herumschwirrt, “Profi” zu werden, bräuchte die Wettkampfstruktur vielleicht eine Reform.
Derzeit ist es nämlich so, dass nach Absolvierung einer Regionalshow die Teilnahme an einem “Pro-Qualifier” bereits möglich ist, der einem dann schon den Profi-Status einbringen kann. Wofür man in anderen Sportarten Jahre und konstante Leistungen braucht, kann im Bodybuilding an einem Wochenende passieren, was zur Folge hat, dass dieses Ziel viel realistischer und erreichbarer erscheint, als es in Wirklichkeit ist. Das nehmen dann viele vor allem junge AthletInnen zum Ansporn, zur Vorbereitung auf diese Gelegenheit auch schon Substanzen zu nutzen, die sie ansonsten erst als “Profi” in Betracht gezogen hätten. Mit anderen Worten: viele sehen ihren Substanzmissbrauch durch das Ziel gerechtfertigt, eine Pro Card zu holen, obwohl die wenigsten tatsächlich die dafür notwendige Genetik und/oder Arbeitsmoral vorweisen. Das ist auch nicht schlimm, schließlich kann auch nicht jeder Hobbykicker in der Bundesliga spielen, nur führt es dazu, dass jene Defizite, die auf veranlagungstechnischer Ebene vorliegen durch Medikamente ausgeglichen werden wollen - was so aber nicht funktioniert, und wenn, dann nur in Verbindung mit massiven Nebenwirkungen. Wäre die Hürde, an einem Pro-Qualifier teilnehmen zu können höher gesetzt, käme es vielen vielleicht auch nicht so attraktiv und naheliegend vor und mehr Menschen könnten den Sport einfach so betreiben, wie es sein sollte - nämlich als Hobby. Und jene, die tatsächlich das Zeug zu einem Elite-Wettkämpfer haben, werden dies auch so merken und dann auch die Geduld und Konstanz aufbringen, den Weg zu gehen, der dafür notwendig ist.
“Leistungssport ist nicht gesund”
Viele Menschen, die an Amateur-Wettkämpfen teilnehmen - egal, ob “unterstützt” oder nicht - bemühen oftmals das Argument, dass jeder Sport auf einem gewissen Leistungsniveau nicht mehr gesund sei. Das ist natürlich auch richtig, jedoch muss hier sehr wohl differenziert werden, um welche Art der Gesundheitsgefährdung es sich handelt. Im Fußball und anderen Kontaktsportarten ist es in erster Linie die hohe Verletzungsgefahr für den Bewegungsapparat, die längerfristig schädlich sein kann. Die meisten Leistungssportler steigen jedoch diesbezüglich gut aus und selbst wenn schwere Verletzungen wie Kreuzbandrisse auftreten, können diese in aller Regel medizinisch behandelt werden und ausheilen - selbst wenn danach keine Maximalbelastungen mehr möglich sein sollten. Der Rest des Lebens ist dadurch aber nicht wirklich beeinträchtigt. Auch reine Ausdauersportler betreiben phasenweise vielleicht durch die hohe Trainingsbelastung Raubbau an ihrem Körper, doch langfristige Folgen sind dennoch auch hier nicht wirklich zu erwarten.
Anders verhält es sich im Bodybuilding: durch den Gebrauch exogen zugeführter Hormone wird der Körper künstlich in eine Ausnahmesituation gebracht, für die er so nicht geschaffen ist. Er baut zwar Muskelmasse in übermenschlicher Menge auf, doch auch andere Teile des Körpers verändern sich, wie sie es bei einem gesunden Menschen nie tun würden: Das Herz wächst, Leber und Niere werden geschädigt und durch erhöhte Blutfette, Hämatokrit und Blutdruck steigt zudem das Risiko akuter Ereignisse wie zB einem Herzinfarkt. Dies sind Veränderungen, die von Sportlern so in der Regel nicht erwartet werden und sie bleiben meistens auch nach der aktiven Karriere bestehen und heilen nicht einfach aus. Und auch der “verantwortungsvolle” Konsum leistungssteigernder Substanzen kann leider nicht verhindern, dass bestimmte Folgeerscheinungen unausweichlich sind. Zwar können Blutdruck, Cholesterin und andere Laborparameter kontrolliert werden, andere, strukturelle Veränderungen werden dadurch jedoch nicht aufgehalten. Während diese Gefahr zumindest scheinbar früher zu einer Abschreckung geführt hat, ist dem heute nicht mehr so. PED-Nutzung wird fast ein bisschen so wahrgenommen, als wäre es nichts anderes, als zu rauchen oder beim Ausgehen ein bisschen zu viel Alkohol zu erwischen. Und da dies ja weit verbreitete Gewohnheiten insbesondere junger Menschen sind, erscheint es weniger schlimm, für einen persönlichen Traum auch anabole Steroide etc. zu nutzen.
“Ein bisschen wird nicht schaden”
Wie bei anderen Drogen auch ist der gesundheitliche Schaden natürlich stark abhängig von der Menge, in der PEDs genommen werden. Mit dieser Begründung wird die Einstiegsschwelle noch einmal herabgesetzt, weil viele ambitionierte, junge Sportler so (vor sich selbst) argumentieren, dass sie ohnehin nur geringe Dosierungen “probieren” möchten und dies auch nur über einen absehbaren Zeitraum. Ist jedoch der erste Schritt erst einmal getan, entwickelt sich schnell eine suchtähnliche Eigendynamik:
Erzielt man kaum Erfolge, wird dies auf die niedrige Dosierung, die ja “kaum supraphysiologisch” war, zurückgeführt. Auch Ungeduld und eine überzogene Erwartungshaltung diesbezüglich tragen nicht unbedingt dazu bei, dass konservativ vorgegangen wird. Also wird einfach die Dosis gesteigert - denn außer dem Injektionsvolumen und den Kosten ändert sich dadurch ja nicht mehr wirklich viel - die Hemmschwelle der Beschaffung und der Anwendung selbst sind ja längst überschritten worden. So landen im Endeffekt doch sehr viele Athleten (besonders, wenn diese nicht von einem erfahrenen Coach begleitet werden) schneller bei hohen Androgendosierungen, die sie ja eigentlich ursprünglich für sich ausgeschlossen hatten. Nur die Annahme, das Gras sei auf der “anderen Seite” grüner und die PED-Nutzung würde auf magische Art und Weise mehr Zufriedenheit bringen, stellt sich als falsch heraus. Schließlich sind die eingenommenen Substanzen nur Mittel zum Zweck, und wenn dieser Zweck nicht erfüllt wird, braucht es eben in dieser Logik einfach “mehr desselben”.
Und selbst wenn die gewünschten Ergebnisse sich einstellen ist das selten ein Grund, dass einfach dabei geblieben wird. Der grundlegende Wille, sich stetig zu verbessern wird eher noch mehr angefacht und man malt sich aus, was vielleicht alles möglich wäre, wenn man doch ein bisschen tiefer in die Nutzung eintauchen würde. Der Wunsch nach sportlichen Erfolgen und Anerkennung übertrumpft dann schnell die gesundheitlichen Bedenken, die ohnehin weit entfernt und sehr abstrakt erscheinen.
Egal, wie sehr man sich vornimmt, nur so lange PEDs zu nutzen, solange man seiner langfristigen Gesundheit nicht beträchtlichen Schaden zufügt, Fakt ist, dass es die wenigsten schaffen, auch wirklich dabei zu bleiben. Natürlich ist es stark dosisabhängig, wie sehr die körperliche Unversehrtheit beeinträchtigt wird, doch wer sich schnellere Erfolge erhofft, wird sich wohl kaum damit zufrieden geben, wenn diese zwar eintreten, es aber immer noch gefühlt viel zu lange dauert. Denn auch wenn anabole Steroide und Co. zweifelsohne wirken, so machen auch sie keinen Fitnessathleten über Nacht zum Bühnenbodybuilder. Mit dieser Erwartungshaltung gehen jedoch viele dieses “Projekt” an und getrieben von dieser Ungeduld werden schnell stark toxische Mengen an PEDs genommen. Das tragische ist, dass diese nicht nur der Gesundheit enormen Schaden zufügen, sondern bei vielen nicht einmal dann den gewünschten Effekt erzielen, da die individuelle Reaktion höchst individuell ausfällt.
Breitensport und PEDs - passt das zusammen?
Damit stellt sich zum Abschluss dieses Artikels erneut die grundlegende Frage, für wen leistungssteigernde Substanzen infrage kommen (sollten) und für wen nicht. In anderen Sportarten ist dieses Dilemma obsolet, da ohnehin Profis und Amateure (eigentlich) gleichermaßen “clean” sein sollten, um nicht von Wettkämpfen ausgeschlossen zu werden. Da es aber ein offenes Geheimnis ist, dass im Bodybuilding andere (bzw. keine) Regeln gelten und dopinggetestete Verbände immer noch weniger populär sind als “offene”, ist die Frage hier etwas schwieriger zu beantworten. Natürlich obliegt es am Ende des Tages jeder Person selbst, über ihren Körper zu entscheiden und die Abwägung von Vor- und Nachteilen für sich selbst zu treffen.
Wenn aber keine wirklichen professionellen Ambitionen und auch wirklich das genetische Potenzial dazu bestehen (was auch ohne “Substanzen” schon sichtbar ist), dann muss nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Erwartungshaltung gegenüber einer Unterstützung auf pharmakologischer Ebene evaluiert werden. Denn die Resultate, die sich viele davon versprechen, werden in dieser Form entweder nie oder nur in extremen Dosierungen (mit extremen Nebenwirkungen) erreichbar sein. Und so lange andere Stellschrauben zur Verfügung stehen (was in 99,9% der Fälle ja so ist), an denen man arbeiten kann, um weiterhin Muskeln aufzubauen und Fortschritte zu machen, könnte man doch auf dem legalen und naturalen Weg bleiben. Es mag sein, dass die Ergebnisse weniger “extrem” sein werden und vielleicht auch weniger Aufmerksamkeit erregen werden - doch auch von dieser kann man sich am Ende des Lebens nichts kaufen. Und nur dafür in Kauf zu nehmen, mit einem stark erhöhten Risiko für zahlreiche Erkrankungen aus der Sache auszusteigen und unter nicht unwahrscheinlichen Umständen seine Lebensspanne stark zu verkürzen, wäre in meinen Augen kaum gerechtfertigt.
Gerade aus medizinischer Sicht kann deshalb vor jeder Art des PED-Konsums nur gewarnt werden, denn egal wie verantwortungsvoll dieser betrieben wird - die einzige Gewissheit ist jene, dass man gesundheitliche Probleme bekommen wird, es sei denn, man gehört zur verschwindend geringen Population an Menschen, die von dem minimal schnelleren Progress, den schon geringe Dosierungen vielleicht bringen, so begeistert ist, dass man nie erwägt, mehr zu nehmen und auch nach wenigen Jahren dieser “Erfahrung” bereit ist, wieder ohne exogene Substanzen weiterzutrainieren und auch die damit verbundenen Rückschritte in Kauf zu nehmen, nachdem man sich schon an diesen Zustand gewöhnt hatte.
Wie stehst du zu dieser - zugegeben sehr kontroversiellen - Thematik? Wie hast du die Entwicklung der letzten Jahre wahrgenommen? Lass es mich gerne Wissen und pass auf dich und deine Gesundheit auf!