Bodybuilding und das Herz

Kompetitiver Leistungssport ist in den seltensten Fällen wirklich gesund. Extreme Leistungen sind nicht das, wofür unsere Physiologie geschaffen ist und die fittesten Menschen dieser Welt sind alles andere als gesund - auch wenn sie ihren Körper weiter pushen, als es sonst jemand schaffen würde. Doch die langfristigen Konsequenzen dieser kurzzeitigen Höchstleistung zeigen sich oft erst, nachdem die aktive Karriere beendet ist. Fußballer, Skifahrer und Basketballer kämpfen oft mit Knieverletzungen und -schmerzen, die die jahrelange Extrembelastung nach sich zieht. Tour de France-Fahrer bekommen Osteoporose, weibliche Sportlerinnen diverser Disziplinen haben keine Periode mehr und sogar Golfer leiden unter chronischen Schmerzen wegen der jahrelangen einseitigen Belastung. Doch während all diese Auswirkungen schon schlimm genug sind, so stechen doch die Spitzensportler in einer bestimmten Sportart besonders hervor - im Bodybuilding nämlich. Um es in dieser Sportart an die Spitze zu schaffen, ist nämlich der Gebrauch (und Missbrauch) diverser Substanzen notwendig, da ohne pharmakologische Hilfe es schlichtweg unmöglich wäre, solche Muskelberge aufzubauen und dabei noch mit extrem wenig Körperfett sich auf einer Bühne zu präsentieren. Doch auch diese Leistungen sind atemberaubend und es gibt genug Menschen, die auch in diesem Bereich ihren Vorbildern nacheifern. Auch im Breitensport kommt es daher öfter zum Einsatz anaboler Steroide, als vielleicht mancher denken mag - und das nicht ohne Konsequenzen für die Gesundheit. Die Folgen von Steroidkonsum sind vielfältig, doch in diesem Artikel möchte ich hauptsächlich auf die (strukturellen) Auswirkungen auf den wohl wichtigsten Muskel unseres Körpers - dem Herzen - eingehen. Dabei bestehen auch durchaus Parallelen zu Elite-Ausdauerathleten, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Warum aber gerade die Gruppe von Menschen, bei denen man die beste Herzgesundheit erwarten würde, genauso gefährdet sind wie Bodybuilder, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, soll Gegenstand dieses Blogs sein.

Wie viel Kraft braucht das Herz?

Wie stark der Herzmuskel arbeiten muss, hängt ganz von der Belastung ab. Dabei besteht meist ein sehr hoher Bedarf an Sauerstoff, sei es wie bei Bodybuildern durch die extreme Muskelmasse oder wie bei Ausdauerathleten durch die extreme Belastung über oft lange Zeiträume. Während dieser Wettkampfsituation ist außerdem ein hoher Blutdruck vorherrschend, der auch im Kraftsport im Training immer wieder vorherrscht. Um dennoch genügend Nährstoffe und Sauerstoff in die Muskeln zu pumpen, muss das Herz besonders stark kontrahieren. Wenn diese Belastung entweder chronisch besteht (hoher Blutdruck, viel Muskelmasse etc.) oder sehr oft gefordert wird (hohe Trainings- und Wettkampfbelastung), muss sich der Herzmuskel anpassen - und wächst. Diese Anpassung nennt man Hypertrophie und sie führt dazu, dass mehr und vor allem dickere Muskelfasern zur Verfügung stehen, um den hohen Widerstand im Kreislaufsystem zu überwinden - und das meist über 150 mal in der Minute (unter Belastung). So weit - so gut. Dieses “Sportlerherz”, das besonders stark ist, müsste doch eigentlich besonders gesund sein, oder?

Leider stimmt das nicht ganz. Ein verdickter und vergrößerter Herzmuskel ist nämlich ein wesentlicher struktureller Umbau des wichtigsten Organs in unserem Körper. Und ist dieses einmal hypertrophiert, so kann es sich nicht oder nur sehr begrenzt wieder auf eine normale Größe zurückbilden. Endet also die Karriere eines Sportlers, behält dieser zwar sein sehr leistungsfähiges Herz, braucht dieses aber nicht mehr wirklich, während das Herz selbst aber sehr wohl mehr Sauerstoff und Energie braucht, um gut zu funktionieren. Dieser Missmatch von Angebot und Bedarf ist aber nur eines der entstehenden Probleme. Im Zuge der Herzmuskelhypertrophie ist es nämlich fast immer der Fall, dass neue Muskelfasern nicht genau in jene Richtung zeigen, in die sie wirklich ausgerichtet sein sollten. Dieser “Fiber disarray” bewirkt ein weiteres Problem: unkoordinierte Schläge, Muskelfasern, die gegeneinander arbeiten und so die Herzaktion viel ineffizienter gestalten. Bei einem peripheren Muskel wie dem Bizeps wäre das etwa nach einer Verletzung, die nicht perfekt verheilt ist, kein großes Problem, doch bei einem Muskel, der selbst in Ruhe 50-70 mal pro Minute kontrahiert, stellt das mit zunehmendem Alter immer mehr ein Problem dar.

Erregungsleitung

Das eigentlich fatale am Umbau des Herzmuskels ist jedoch in erster Linie die geänderte Erregungsleitung. Wie alle unsere Muskeln muss unser Myokard elektrisch zu einer Aktion stimuliert, also angeregt werden. Hier ist es entscheidend, dass das genau in der Reihenfolge abläuft, wie es physiologisch sinnvoll ist. Wird nämlich ein falscher Teil der Herzkammern zuerst kontrahiert, so wird das Blut anstatt aus dem Herzen noch tiefer in die Kammer gepumpt und die danach erregten Fasern haben nicht mehr die benötigte Kraft, diese falsche Ströumungsrichtung komplett auszugleichen. Die Folge ist eine akute Herzinsuffizienz. Ein weiteres Problem, das durch eine allgemeine oder lokale Verdickung des Herzmuskels entstehen kann ist eine vollkommen gestörte Reizweiterleitung. Insbesondere im Kontext anaboler Steroide, die eine Verdickung der Herzscheidewand bewirken kann dies tödliche Folgen haben. Die “hypertrophe Kardiomyopathie”, wie diese Erkrankung, die auch bei Menschen mit Bluthochdruck entstehen kann, hat nicht selten einen plötzlichen Herztod zur Folge. Dieser muss nicht sofort auftreten, doch je länger der Herzmuskel verdickt ist, desto eher kommt es zu Komplikationen. Gerade bei Sportlern, die in jungen Jahren den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit erreichen, vergrößert sich das Herz demnach schon früh. Unmittelbar ist dies vielleicht noch keine Gefahr, doch je länger das Herz in einer pathologischen Größe im Brustkorb liegt, desto höher wir die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls - eine nicht weitergeleitete Stimulation reicht aus, um das Herz aus dem Takt zu bringen, ein unkoordiniertes Zucken zu bewirken und in ein Kammerflimmern zu münden.

Was sind die Ursachen für ein Sportlerherz?

Wie bereits angedeutet gibt es nicht nur einen Grund dafür, warum es zu einer Herzmuskelhypertrophie und in der Folge zu einer hypertrophen Kardiomyopathie kommen kann. Es sind aber imgrunde dieselben strukturellen Veränderungen, die sowohl bei jungen Sportlern, aber auch bei alten, chronisch kranken Patienten mit Bluthochdruck einen plötzlichen Herztod verursachen können.

Bei letzterer Gruppe ist es die physiologische Anpassung des Herzens über einen langen Zeitraum, um dem Bluthochdruck entgegenwirken zu können. Übergewicht, hoher Kochsalzkonsum, Alkohol und Nikotin sind dabei Risikofaktoren, die im Alter meist einen zu hohen Blutdruck bewirken, kombiniert mit der natürlich nachlassenden Gefäßelastizität und arteriosklerotischen Plaques. Diese Faktoren führen dazu, dass der Gefäßwiderstand steigt, wodurch das Herz mehr Kraft aufwenden muss, um die gleiche Menge Blut (und damit Sauerstoff) bis in die Organe und die Peripherie pumpen zu können - der Druck steigt. Ist dies einmal kurzzeitig der Fall, so schlägt das Herz einfach schneller und kräftiger, doch ist der Blutdruck chronisch erhöht, reicht dies irgendwann nicht mehr aus und erste Anzeichen einer Insuffizienz können sich präsentieren. Unser Körper ist ein Meister der Anpassung und versucht noch, durch die Kräftigung der Herzmuskelfasern diese Insuffizienz zu kompensieren und der Herzmuskel hypertrophiert. Doch leider ist diese Anpassung im Alter oft nicht mehr so “organisiert”, wie sie sein sollte und die Verdickung bewirkt anstatt einer Funktionszunahme eher eine höhergradige Insuffizienz, also Herzschwäche.

Und auch bei ansonsten fitten, jungen Sportlern kann eine Herzmuskelhypertrophie aufgrund der oftmaligen hochintensiven Belastung nachteilige Folgen haben. Kommt es nämlich zum “Fiber disarray”, so werden neue Muskelfasern kreuz und quer “angebaut”, ohne dabei aber einen funktionellen Nutzen zu haben oder regelrecht erregt werden können. Somit ist auch Hochleistungssport ein Risikofaktor für Herzerkrankungen, selbst wenn man intuitiv eher vom Gegenteil ausgehen würde.

Im Bodybuilding ist die kardiovaskuläre Beanspruchung nicht so groß, doch die enorme Menge an Muskelmasse und das dadurch hohe Körpergewicht stellen für sich genommen eine (chronische) Belastung für das Herz dar, da diese Tag und Nacht mit Sauerstoff versorgt werden muss. In Kombination mit dem meist erhöhten Blutdruck und der zusätzlichen anabolen Wirkung von etwaigen “performance-enhancing-drugs” ist es alles andere als verwunderlich, dass sich der Herzmuskel und insbesondere das Herzseptum verdicken können. Ein Cutoff von 15 mm ist hier die Grenze zu einer hochgradigen Kardiomyopathie, wobei ein gesunder erwachsener Mann eher 10 mm Dicke anstreben sollte. Bei Bodybuildern hingegen findet man im Ultraschall oft Septumstärken von 17 mm und mehr, was ein sehr hohes Risiko für einen plötzlichen Herztod bedeutet.

Natürlich kann sich das Herz bis zu einem gewissen Grad auch funktional vergrößern, um einem erhöhten Bedarf gerecht zu werden. Je extremer und länger diese Hypertrophie jedoch besteht, desto eher kommt es eben auch zu desorganisierter Faserausrichtung und den angesprochenen Störungen in der Erregungsleistung. Deshalb kann es bei vielen Sportlern auch sein, dass ihr Herz besonders gesund und leistungsfähig ist und bleibt, während andere, genetisch weniger gesegnete Menschen vielleicht ein höheres Risiko tragen, einen Herzstillstand zu erleiden.

Fazit

Genau wie Bluthochdruck kann auch Hochleistungssport über einen langen Zeitraum zu einer strukturellen Anpassung des Herzmuskels führen. Während die meisten jungen Sportler dadurch nur leistungsfähiger werden, kann es bei einigen aber auch der Fall sein, dass sie - wie viele ältere Menschen - eine hypertrophe Kardiomyopathie entwickeln. Bei dieser Erkrankung kommt es zu chaotisch angeordneten Muskelfasern, die den Herzmuskel zwar verdicken, jedoch nicht funktional leistungsfähiger machen, da sie nicht regelrecht erregt werden können und in die “richtige” Richtung sich verkürzen. Die Folgen sind Störungen in der Erregungsleitung und Komplikationen wie Kammerflimmern und ein plötzlicher Herztod. Davon betroffen sein können Ausdauersportler genauso wie Bodybuilder, die durch die Einnahme anaboler Substanzen zusätzlich prädestiniert für das pathologische Herzwachstum sind.

Ich hoffe, dieses Thema hat dich interessiert und ich konnte etwas verständlicher machen, warum auch scheinbar gesündeste, junge Sportler einen plötzlichen Herztod erleiden können. Wie bei allen Erkrankungen spielt natürlich auch die Genetik hier eine wesentliche Rolle und dennoch kann festgestellt werden, dass Leistungssport ein ernstzunehmender Risikofaktor für Herzerkrankungen ist. Ich freue mich wie immer über Feedback, Meinungen und Themenvorschläge via DM auf Instagram. Inzwischen alles Gute! Jakob

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