Östrogen im Bodybuilding
Wenn es im Enhanced (oder auch im Natural) Bodybuilding um Hormonwerte geht, dann ist meist die Rede von Testosteron in seiner natürlichen, körpereigenen, aber auch seinen verschiedenen synthetischen Formen. Diese stehen bei unterstützten Athleten zur Verfügung, um als “androgene anabole Steroide” den Muskelaufbau zu maximieren und somit den bestmöglichen Trainingseffekt zu erreichen. Vielleicht wird im Kontext einer Wettkampfvorbereitung noch auf Schilddrüsenhormone und ansonsten auch das Human Growth Hormone HGH genauer betrachtet, doch darüber hinaus interessieren sich viele Athleten nur noch für wenige weitere Blutwerte. Mit dem weiblichen Sexualhormon, dem Östrogen bzw. Estradiol (wie es in seiner physiologisch aktiven Form heißt), werden hingegen eher unerwünschte Nebenwirkungen assoziiert. Doch was für eine Rolle spielt das Östrogen wirklich - auch bei männlichen Bodybuildern und sollten diese wirklich einen möglichst niedrigen Wert anstreben? Mit diesem Mythos möchte ich in diesem Artikel aufräumen.
Estradiol und Verweiblichung
Estradiol ist gemeinhin als das “weibliche” Geschlechtshormon bekannt. Es unterstützt bei Frauen die Eizellreifung und den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut und hat noch viele weitere geschlechtsspezifische Wirkungen. Doch auch Männer haben einen gewissen Spiegel des weiblichen Geschlechtshormons im Blut. Steigt dieser über ein (individuell höchst verschiedenes) Niveau, so können Wirkungen auftreten, die man als “verweiblichend” bezeichnen könnte. Wohl am bekanntesten ist das Wachstum von Brustgewebe (Gynäkomastie), aber auch Hitzewallungen, vermehrte Wassereinlagerungen und eine Veränderung der Körperzusammensetzung (Frauen haben natürlicherweise einen höheren Körperfettanteil) können die Folge sein. Außerdem kann eine erektile Dysfunktion auftreten, da das Estradiol der “männlichen” Funktion ja direkt entgegenwirkt.
Bodybuilder, die Testosteron exogen zuführen, möchten diese Nebenwirkungen natürlich vermeiden. Dies muss deshalb so genau überwacht werden, da Testosteron durch das Enzym Aromatase direkt in Östrogen umgewandelt werden kann, was bei supraphysiologischen Leveln an männlichem Sexualhormon auch vermehrt geschieht. Aus diesem Grund greifen viele Athleten, besonders bei insgesamt höheren Androgendosierungen, zu verschiedenen Derivaten des Testosterons, die aufgrund ihrer Veresterung (chemische Verbindung bzw. “Paket”, mit dem sie kommen), unterschiedlich schnell wirksam sind und somit insgesamt weniger zur Aromatisierung (also der Umwandlung in Östrogen) neigen. Darüber hinaus werden auch Dihydrotestosteron-Präparate (auch bekannt als DHT) verwendet, da diese Form nicht in Estradiol konvertiert werden kann. Eine weitere Möglichkeit, diese unerwünschte Umwandlung von Androgenen in Estradiol zu verhindern, ist die Gabe von Aromatasehemmern. Diese Medikamente inhibieren das Enzym, das eben diesen Prozess katalysiert, und sorgen so dafür, dass der Estradiolspiegel stark abfällt.
Man könnte nun den Eindruck bekommen, dass es für den Muskelaufbau optimal wäre, den Östrogenspiegel so niedrig wie möglich zu halten, während man den Testosteronwert maximiert - ob auf natürliche oder pharmakologische Art und Weise. Und es stimmt auch, dass das Estradiol für den Aufbau fettfreier Muskelmasse eigentlich keinen direkten Wert hat und eher einen Teil der Testosteronwirkung zunichte macht. Dennoch wäre es fatal, deshalb Aromatasehemmer oder DHT-Derivate so zu benutzen, dass der Estradiolspiegel unter den physiologischen Referenzbereich fällt, und zwar aus mehreren Gründen.
Nutzen des weiblichen Geschlechtshormons für Männer
Ist der Estradiolwert nämlich zu niedrig eingestellt, haben auch Männer mit starken Nebenwirkungen zu rechnen, die mindestens genauso gesundheitsschädlich sind wie ein zu hoher Wert. Östrogen sorgt nämlich auch bei Männern paradoxerweise für eine gesunde Libido, die sofort stark abnimmt, wenn der Wert zu niedrig wird. Darüber hinaus hat Estradiol geschlechtsunabhängig eine sehr wichtige Aufgabe im Rahmen des Metabolismus und sorgt für einen funktionierenden Kohlenhydratstoffwechsel und erhöht die Insulinsensitivität (hat also einen antidiabetischen Effekt). Weiters sorgt ein zu niedriger Spiegel für zu wenig “Wassereinlagerungen”, was besonders in Gelenken sehr schmerzhaft sein kann, im Alltag wie auch im Training. Außerdem fördert es die Herz- und Nierengesundheit und spielt damit auch für den Mann in vielen Kontexten eine sehr wichtige Rolle.
Mit dem Wissen über diese zahlreichen positiven Effekte des Östrogens sollte deshalb keine Östrogenminimierung, sondern viel mehr eine Optimierung angestrebt werden. Liegt der Wert zu hoch, so hat man negative Auswirkungen auf Muskelaufbau etc. zu befürchten, doch auch ein zu niedriger Wert hat auf anderen Ebenen beim Mann verheerende Auswirkungen, auch wenn es dem Muskelaufbau an sich nicht schadet.
Wie kann der Estradiolwert bei enhanced Athleten optimiert werden?
Um nun einen möglichst gesunden E2-Wert im Blut zu erreichen, müssen im enhanced Bodybuilding mehrere Stellschrauben aufeinander abgestimmt werden. Zum Einen werden Athleten mit exogener Testosteronzufuhr zu erhöhten Spiegeln neigen, da die Aromatase ja normal funktioniert. Werden nun aber einfach nur unbedacht dosiert Hemmer des Enzyms eingesetzt, so fällt das Östrogen ins Bodenlose - selbiges ist beim ausschließlichen Gebrauch von DHT-Derivaten zu erwarten. Estradiol selbst ebenfalls exogen zuzuführen, ist zwar möglich, jedoch nicht sehr klug, da es potenziell stärker wirkt und ja ein Gegenspieler zum Testosteron ist - es wäre demnach vergleichbar mit dem gleichzeitigen Drücken des Gaspedals und der Bremse in einem Auto. Ein verantwortungsvoller Ansatz wäre viel mehr die genaue Einstellung jedes Athleten mit individuell unterschiedlichen Androgendosierungen. Jeder Körper reagiert anders und es kann deshalb keine pauschale Empfehlung gegeben werden, welche Strategie am “gesündesten” (wenn man im Kontext von Leistungssport überhaupt noch von Gesundheit reden kann) ist oder die wenigsten Nebenwirkungen verursacht. Neben der Reaktion des einzelnen Körpers spielt hier natürlich auch noch die Gesamtdosierung der androgenen Substanzen eine Rolle. Möglicherweise kann es ausreichen, diese geschickt zu kombinieren und dadurch einen physiologischen und gesunden E2-Wert zu erreichen. Es kann aber, besonders auch bei höheren Androgen-”Loads” notwendig werden, doch einen Aromatasehemmer einzusetzen, ohne diesen aber zu hoch zu dosieren. All diese Überlegungen sollten jedenfalls in enger Abstimmung mit einem erfahrenen Coach und einem Arzt des Vertrauens erfolgen, wobei natürlich auch der gesetzliche Rahmen immer eingehalten werden muss.
Eine zusätzliche Schwierigkeit kann auch dadurch entstehen, dass die exogene Zufuhr bestimmter Androgenpräparate den E2-Wert im Blutbefund verfälschen kann. Die meisten Labors differenzieren nämlich nicht zwischen E1 und E2, wobei nur letzteres das eigentlich physiologisch aktive, “potente” Estradiol darstellt. Einige Androgene können aber zu E1 metabolisiert werden, was zu einem falsch hohen Gesamt-Estradiol führen und eigentlich zu niedrige Werte verschleiern kann, was dann wiederum sich sehr negativ auf die Gesundheit des Athleten auswirkt. Nur eine Bestimmung mittels Massenspektrometrie erlaubt es, zwischen E1 und E2 zu differenzieren, wobei diese Methode sehr teuer und auch bisher kaum verfügbar ist, da sie in anderen klinischen Kontexten kaum Relevanz besitzt. Es empfiehlt dich deshalb besonders, mit einem medizinischen Experten zusammenzuarbeiten, der sein/ihr Handwerk versteht und auch eine seriöse Risikoeinschätzung abgeben kann.
Zusammenfassung und Fazit
Wenn man im Bodybuilding-Kontext von Östrogen spricht, dann assoziieren das die meisten Sportler mit Gynäkomastie und anderen Wirkungen, die sie sich nicht erhoffen. Weil es aber allgemein sehr wohl bekannt ist, dass exogen zugeführtes Testosteron bis zu einem gewissen Grad zu Estradiol aromatisiert, kommen unbedacht Aromatasehemmer zum Einsatz, um diesen Effekt zu minimieren. Doch der dadurch so stark abgesenkte Spiegel an weiblichem Sexualhormon hat auch für Männer starke gesundheitliche Nebenwirkungen, angefangen von einer niedrigen Libido bis hin zu einer Schädigung von Herz, Nieren und Gelenken. Es muss deshalb jedem Bodybuilder, der sich dazu entschließt, (große Mengen) Androgene exogen zuzuführen, klar sein, dass sowohl die Zusammensetzung der Präparate als auch die zusätzliche Gabe weiterer Pharmaka sorgfältig geplant und engmaschig überprüft werden sollte, wenn man den Sport so wenig gesundheitsschädigend wie möglich betreiben möchte. Und gerade weil diese Materie so komplex ist, empfiehlt es sich dringend, dabei auch medizinische Beratung von ausgebildetem Fachpersonal in Anspruch zu nehmen.
Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Artikel darlegen, warum die weitverbreitete Meinung, dass Östrogen für Männer, die ihren Muskelaufbau maximieren möchten, physiologisch keinen Nutzen hat, schlichtweg falsch ist. Ich freue mich wie immer über Feedback und ein Like/Abo auf Instagram, wenn du dich für informative Blogs wie diesen interessierst. Alles Gute inzwischen und pass auf dich und deine Gesundheit auf! Jakob