SGLT-2-Hemmer
Eine relativ neue Medikamentenklasse, die sehr vielversprechende und positive Effekte hat und immer mehr zum Einsatz kommt, sind die sogenannten SGLT-2-Inhibitoren. SGLT-2 steht für den “sodium-glucose-like-transporter” 2, der in der Niere lokalisiert ist. Seine Aufgabe ist es, die für den Körper wertvolle Glukose, also Zucker, aus dem Harn zurückzugewinnen, bevor dieser konzentriert und ausgeschieden wird. So schafft es der Körper, im Blut zirkulierende Kohlenhydrate, die nicht unmittelbar gebraucht werden und in den Harn gelangen würden, wieder rückzuresorbieren und so Energie zu sparen. An diesem Transporter setzen SGLT-2-Hemmer an: sie blockieren diesen Transporter teilweise, sodass der eigentliche Vorgang nicht mehr so gut ablaufen kann und mehr Zucker am Ende im Harn verbleibt, als dies bei voll funktionstüchtigen Kanälen der Fall wäre. Ein Patient, der also ein solches Medikament einnimmt, pinkelt über den Tag bis zu 80-100g Zucker aus, der normalerweise im Körper verbleiben würde. Und das kann sehr positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Welche genau das sind, was man bei der Einnahme beachten sollte und warum auch gesunde Menschen (mit bestimmten Risikofaktoren - wie beispielsweise Bodybuilder) davon profitieren können, möchte ich in diesem Blog darlegen.
Kardioprotektion bzw. Herzschutz
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in westlichen Industrieländern die Todesursache Nummer 1. Das hängt mit vielen Faktoren zusammen, die vor allem unseren Lebensstil, also unser Bewegungsverhalten und unsere Ernährung betreffen. Ein erschreckend hoher Anteil aller Menschen entwickelt im Laufe des Lebens einen Bluthochdruck und mit dem Alter steigt damit auch das Risiko einer Herzinsuffizienz. Da das Herz bei jedem einzelnen Schlag gegen einen größeren Widerstand arbeiten muss, wird der Herzmuskel vom Körper verdickt. Was eigentlich nicht schlimm klingt, kann aber fatale Folgen haben, denn diese sogenannte “linksventrikuläre Hypertrophie” (der linke Ventrikel ist nämlich jener, der das Blut in den Körper pumpt) ist irreversibel und führt nicht selten zu funktionellen Einschränkungen. In einfachen Worten bedeutet das, dass der neu gebildete Muskel nicht einfach schön geordnet gebildet wird, sondern dass die Fasern in alle möglichen Richtungen schauen und einander gegenseitig behindern können. Dieser Effekt wird auch “Fiber disarray” genannt und ist die Ursache dafür, dass die Pumpleistung des Herzens abnimmt, da dieses nachteilig “umgebaut” wurde.
SGLT-2-Hemmer scheinen über verschiedene Wege diesem Umbau (“cardiac remodeling”) jedoch entgegenzuwirken. Dies ist sehr positiv hervorzuheben, da durch eine linksventrikuläre Hypertrophie oder auch eine hypertrophe Kardiomyopathie (ungefähr dasselbe, nur den gesamten Herzmuskel betreffend) das Risiko eines plötzlichen Herztodes massiv ansteigt. Vor der Umbau jedoch (zu weit) fortschreitet, kann mit SGLT-2-Hemmern also gegengesteuert werden. Aber auch schon massiv gefährdete Patienten scheinen von dem Medikament zu profitieren, wie eine neue Metaanalyse aus dem Jahr 2022 gezeigt hat. Wie genau die Wirkung dieser Medikamentenklasse zustandekommen, ist bisher noch nicht abschließend geklärt, doch aufgrund ihrer sehr guten Verträglichkeit und Wirkung kommt sie heute viel öfter zum Einsatz.
Joshi, S., Singh, T., Newby, D., & Singh, J. (2021). Sodium-glucose co-transporter 2 inhibitor therapy: mechanisms of action in heart failure. Heart, 107, 1032 - 1038. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2020-318060.
Talha, K., Anker, S., & Butler, J. (2023). SGLT-2 Inhibitors in Heart Failure: A Review of Current Evidence. International Journal of Heart Failure, 5, 82 - 90. https://doi.org/10.36628/ijhf.2022.0030.
Vaduganathan, M., Docherty, K., Claggett, B., Jhund, P., De Boer, R., Hernandez, A., Inzucchi, S., Kosiborod, M., Lam, C., Martinez, F., Shah, S., Desai, A., McMurray, J., & Solomon, S. (2022). SGLT-2 inhibitors in patients with heart failure: a comprehensive meta-analysis of five randomised controlled trials.. Lancet. https://doi.org/10.1016/s0140-6736(22)01429-5.
Nierengesundheit
Neben den außerordentlichen Effekten auf das kardiovaskuläre System profitieren auch die Nieren sehr von der Einnahme dieser SGLT-2-Hemmer. Auch hier ist noch nicht ganz klar, wie diese Wirkung tatsächlich zustandekommt, es wurde jedoch festgestellt, dass die Nierenfunktion bei einer Einnahme stark verbessert werden kann und die Medikamente grundsätzlich einen schützenden Effekt auf das Organ haben.
Was dennoch vor der Einnahme zu bedenken bleibt, ist der erhöhte Zuckerverlust über den Harn durch die ableitenden Harnwege. In der Niere selbst bereitet dieser noch keine Probleme, allerdings kann es, besonders bei unregelmäßiger, nicht ausreichend gründlicher oder falscher Hygiene zu (aufsteigenden) Harnwegsinfektionen kommen. In der Praxis lassen sich diese zwar meistens gut vermeiden, dennoch sei an dieser Stelle explizit darauf hingewiesen.
Armillotta, M., Angeli, F., Paolisso, P., Belmonte, M., Raschi, E., Di Dalmazi, G., Amicone, S., Canton, L., Fedele, D., Suma, N., Foà, A., Bergamaschi, L., & Pizzi, C. (2025). Cardiovascular therapeutic targets of sodium-glucose co-transporter 2 (SGLT2) inhibitors beyond heart failure.. Pharmacology & therapeutics, 108861 . https://doi.org/10.1016/j.pharmthera.2025.108861.
Anwendungsszenarien
Dapagliflozin, Empagliflozin und Co., wie die SGLT-2-Hemmer medizinisch korrekt bezeichnet werden, kommen heute vor allem bei Herzinsuffizienz und anderen Herzerkrankungen aufgrund ihres kardioprotektiven Effekts zum Einsatz. Besonders bei Menschen, die zusätzlich noch Probleme mit ihren Nieren haben, ist eine Anwendung besonders empfehlenswert. Außerdem ist die Frage auch berechtigt, ob nicht auch gesunde Menschen von SGLT-2-Hemmern profitieren könnten, zumal diese auch einen leicht gewichtssenkenden Effekt (da ja bis zu 400 kcal täglich über den Harn “verloren” gehen) mit sich bringen. Da die Medikamente noch recht neu sind, ist es zudem möglich, dass sie in Zukunft noch für mehrere Erkrankungen zugelassen werden, für die derzeit nur “off-label” Rezepte ausgestellt werden können. Dazu muss nur noch die Forschung nachziehen und die Wirksamkeit auch in anderen Kontexten wie zB metabolischen Erkrankungen, Übergewicht etc. wissenschaftlich belegen.
Vollständig gesunde Menschen sollten natürlich darauf verzichten, solche Präparate zu sich zu nehmen, schließlich besteht keine Notwendigkeit dazu. Viele Bodybuilder entscheiden sich jedoch dazu, im Hinblick auf mögliche zukünftige Erkrankungen - bedingt durch ihren PED-Konsum - präventiv einen SGLT-2-Hemmer einzunehmen. In meinen Augen kann das durchaus sinnvoll sein. Einerseits wird das Herz-Kreislauf-System ohnehin bei Athleten in dieser Sportart durch das hohe Körpergewicht und eventuelle andere Pharmaka stark belastet, zum anderen kann auch die Niere unter zum Beispiel chronisch sehr hoher Proteinzufuhr in Mitleidenschaft gezogen werden. In Kombination mit dem Bluthochdruck, einem vergrößerten “Sportlerherz” mit bereits größerer Wanddicke etc. können SGLT-2-Hemmer als präventiv eingenommene Medikamente bei Schwergewichtsbodybuildern demnach durchaus sinnvoll sein. Aber auch andere Personen, die zunehmend kardiovaskuläre Beschwerden wie zB Angina pectoris verspüren, könnten sicherlich von einer frühen medikamentösen Unterstützung profitieren, da diese ja auch das weitere Fortschreiten einer beginnenden Herzinsuffizienz verhindern soll.
Was bei der Einnahme zu beachten ist
Kohlenhydratzufuhr: SGLT-2-Hemmer sollten nur dann eingenommen werden, wenn ein erheblicher Anteil der am Tag verzehrten Kalorien aus Kohlenhydraten stammt. Ist dies nicht der Fall, wie zum Beispiel bei Menschen, die sich “low-carb” oder ketogen ernähren, bleiben nicht nur viele positive Effekte aus, es besteht außerdem die große Gefahr einer pH-Entgleisung. Stehen dem Körper nämlich plötzlich gar keine Kohlenhydrate mehr zur Verfügung, weil diese über den Urin ausgeschieden werden, muss der gesamte Energieverbrauch über Fette gedeckt werden, was eine Ketogenese voraussetzt. Dieser Stoffwechselweg, der oft auch als “Hungerstoffwechsel” bezeichnet wird, da er am ehesten dann zum Tragen kommt, wenn wir sehr lange nichts gegessen haben und bereits eine “Ketonfahne” ausatmen, wirft allerdings sehr viele saure Abfallprodukte ab. Diese überfluten dann den Körper und sorgen dafür, dass dieser übersäuert - eine fatale Komplikation, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Es ist deshalb alles andere als ratsam, SGLT-2-Hemmer zum Gewichtsverlust einsetzen zu wollen und dann noch mit einer low-carb-Diät zu kombinieren, denn das kann schlimm enden.
Zeitpunkt: SGLT-2-Hemmer bewirken ja eine Ausscheidung von Glukose über den Harn, was anfangs einen leicht diuretischen, in jedem Fall aber einen harntreibenden Effekt hat. Es sollte deshalb darauf geachtet werden, dass das Präparat nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen eingenommen wird, weil sonst die Schlafqualität unter den vielen Klobesuchen leiden kann. Außerdem ist es ratsam, den Zeitpunkt der größten Wirksamkeit (individuell unterschiedlich, jedoch gut beobachtbar über Harnstreifentests) nicht in eine körperlich anstrengende Aktivität bzw. ein Training zu legen, da sonst die Performance unter dem niedrigen Blutzuckerspiegel und der ungünstigen (Fett-)Stoffwechsellage leiden kann. Unmittelbar vor dem Training oder danach wäre eine Einnahme jedoch sinnvoll, da die Wirkung erst zeitverzögert eintritt.
Dosierung: In den meisten Studien wurde beobachtet, dass eine Dosis von 10mg sich als sowohl wirksam als auch am günstigsten erweist. Diese Menge ist ausreichend, um den maximalen Effekt bei so wenig Nebenwirkungen wie möglich zu erreichen, außerdem bringen höhere Dosierungen keinen (!) zusätzlichen Nutzen. Angenehmer Nebeneffekt: Bei Privatzahlern kostet eine Packung der 25mg-Tabletten bei gleicher Stückzahl in etwa gleich viel wie die 10mg-Version. Es lohnt sich also, zur höheren Dosierung zu greifen und einfach die Tabletten zu halbieren - so halbiert man nämlich auch die Kosten.
Absprache mit Arzt: Auch wenn SGLT-2-Hemmer potenziell viele Vorteile bieten können, handelt es sich nach wie vor um ein rezeptpflichtiges Medikament, das nur nach Indikation und auf ärztlichen Rat hin eingenommen werden sollte. Jede Wirkung hat nämlich immer auch potenzielle Nebenwirkungen und auch wenn sich diese bei SGLT-2-Hemmern in Grenzen zu halten scheinen, so ist die Einnahme eines Pharmazeutikums doch immer ein Eingriff in die natürliche Homöostase des menschlichen Körpers, bei der Kosten und Nutzen gut miteinander abgewogen werden sollten, besonders wenn streng genommen keine Notwendigkeit besteht. Allerdings stellt sich für mich persönlich schon die Frage, ab wann der Einsatz von Medikamenten, die so nebenwirkungsarm sind, denn “gerechtfertigt” ist bzw. sein sollte. Braucht es dazu erst eine (schwere) Erkrankung? Muss man immer darauf warten, bis Gesundheitsschäden bereits eingetreten sind oder wäre es in manchen Szenarien und bei bestehenden Risikofaktoren nicht vielleicht sinnvoll, präventiv bereits einzugreifen und so die Gesundheit länger aufrecht zu erhalten?
Bodybuilder aus dem “unterstützten” Bereich stellen hier freilich einen Sonderfall dar, da der Konsum von PEDs für sich genommen stark gesundheitsschädigend ist und jede weitere Medikation eigentlich nur “Nebenwirkungsmanagement” ist. Wie ich schon öfter erwähnt habe, ist es jedem selbst überlassen, ob er oder sie wirklich seine Gesundheit aufs Spiel setzen möchte, um in dieser extremen Sportart erfolgreich zu sein, doch auch der Konsum von Alkohol oder Nikotin ist ja nicht unbedingt gesund. Dennoch sollte es allen Anwendern klar sein, dass ihr “Sport” sie eher kränker und nicht - wie allgemein über Bewegung bekannt - gesünder macht. Und es gehört aus meiner Sicht für einen verantwortungsbewussten Bodybuilder auch dazu, sich mit potenziellen Konsequenzen seiner Praktiken zu beschäftigen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um fatalen Nebenwirkungen vorzubeugen - wofür SGLT-2-Hemmer wieder ein guter Anwendungsbereich zu sein scheinen.
Fazit
Die Medikamentenklasse der SGLT-2-Hemmer ist eine Gruppe von nebenwirkungsarmen und in Bezug auf ihre Wirksamkeit vielversprechenden Substanzen, die sowohl bei (beginnender) Herzinsuffizienz eingesetzt werden, dabei aber auch einen nierenschützenden Effekt haben. Auch wenn sie derzeit nur für wenige tatsächlich manifeste Erkrankungen zugelassen sind, haben sie durchaus auch darüber hinaus ein (präventives) Potenzial und könnten Herz-Kreislauf-System und Nieren positiv unterstützen. Dazu sind Forschungsergebnisse bzw. Zulassungsverfahren noch ausständig. Liegen besondere Risikofaktoren vor (wie zum Beispiel bei Bodybuildern, die durch ihre pharmakologische “Unterstützung” prädisponiert für HK-Erkrankungen sind), so kann eine frühzeitige Gabe noch vor Einsetzen einer manifesten Herzinsuffizienz durchaus sinnvoll sein, allerdings bedarf es dafür einer ärztlichen Rücksprache und eines Rezeptes und es sollte auf keinen Fall eigenmächtig die Einnahme begonnen werden.
Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel etwas mehr Wissen über SGLT-2-Hemmer vermitteln und würde mich über eine positive Rückmeldung oder ein Follow auf Instagram sehr freuen. Danke für’s Lesen und alles Gute inzwischen! Jakob