Was beeinflusst den Hämatokrit?

Athleten, die sich etwas intensiver mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen, stoßen in den allermeisten Sportarten irgendwann auf den Hämatokrit-Wert. Dieser gibt den Anteil der festen, zellulären Blutbestandteile im Verhältnis zum Gesamtvolumen des Blutes an und ist für Ausdauersportler wie auch für Bodybuilder gleichermaßen relevant. Ausdauersportler möchten ihn möglichst bis an das obere Ende des erlaubten Referenzbereichs (also 0,55 bzw. 55%) heben, da der Hauptbestandteil des Hämatokrits von den roten Blutkörperchen ausgemacht wird. Diese transportieren während intensiven Ausdauerbelastungen den Sauerstoff von der Lunge in die Muskeln und stellen damit einen limitierenden Faktor für die maximale Ausdauerleistungsfähigkeit dar, den man natürlich möglichst weit nach oben pushen möchte, etwa durch Höhentraining, Hypoxiekammern (die eine erhöhte Erythrozytenzahl im Blut induzieren) oder auch durch Doping mit blutbildenden Substanzen wie EPO. Bei Bodybuildern ist es paradoxerweise genau umgekehrt: Natürlich möchten auch diese genügend Sauerstoff in die Muskeln bekommen, da dieser jedoch beim Hypertrophietraining nicht den limitierenden Faktor darstellt, ist es nicht so wichtig, dass der Hämatokrit hoch ist. Allerdings bewirkt der Konsum anaboler Steroide einen hohen Grad an Blutbildung, sodass der Wert schnell einmal über die 55% steigen kann. Das Problem dabei ist, dass jenseits dieser Grenze das Risiko für thromboembolische Ereignisse wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall massiv ansteigt. Gepaart mit der ebenfalls Androgen- und Wachstumshormon-induzierten Herzhypertrophie laufen unterstützte Bodybuilder so Gefahr, an einem plötzlichen Herztod zu sterben. Und tatsächlich sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems die primäre Ursache, warum Bodybuilder durch ihren Steroidkonsum früher versterben. Ein verantwortungsvolles und vorausschauendes Gesundheitsmanagement - sei es im Kontext von PEDs oder auch bei gesunden Nicht-Bodybuildern - beinhaltet also immer eine kritische Evaluation des Hämatokritwertes, um etwaigen kardiovaskulären Zwischenfällen vorzubeugen. Doch dabei ist nicht nur diese eine Zahl relevant, sondern auch die vielen Begleitumstände, die diese abändern oder abfälschen können und so falsch hohe oder niedrige Werte bewirken können, die entweder eine vermeintliche Sicherheit vortäuschen und eine Gefahr maskieren oder umgekehrt. Welche Umstände das sind und wie man sie am besten vermeidet, um einen aussagekräftigen Wert zu bekommen, möchte ich in diesem Blog kurz darstellen.

Hydrationszustand

Der wohl einfachste und auch einleuchtendste Weg, seinen Hämatokritwert zu verändern ist die Aufnahme von Flüssigkeit, sei es durch Trinken oder durch eine Infusion. Unser Körper hat in etwa 5-6L Blut in seinem Kreislaufsystem - durch die rasche Aufnahme von 1-2L durch Trinken kann dadurch der Hämatokrit massiv gesenkt werden, da der zelluläre Blutanteil ja gleich groß bleibt, sich jedoch plötzlich auf ein viel größeres Volumen verteilt, was den Anteil sinken lässt. So fälschten früher auch Ausdauersportler vor Dopingkontrollen ihre Werte ab, die eine gewisse Obergrenze nicht überschreiten durften. Es kann allerdings auch ungewollt “passieren”, dass man selbst seinen eigenen Hämatokritwert manipuliert, indem man entweder viel zu wenig oder viel zu viel vor einer Blutabnahme trinkt, was zu falsch hohen bzw. niedrigen Werten führen kann. Um also einen aussagekräftigen Wert zu erhalten, mit dem man arbeiten kann und der auch wirklich stimmt, empfiehlt es sich, vor einer Blutabnahme (die meistens nüchtern am Morgen erfolgt) zwar durchaus etwas Wasser zu trinken (schließlich verliert der Körper über Nacht ja ebenfalls Flüssigkeit), es dabei aber nicht zu übertreiben, um den Wert nicht zu drücken. Eine angemessene Trinkmenge orientiert sich dabei in erster Linie am Körpergewicht, denn während ein Ausdauersportler mit 60 kg vielleicht nur einen halben Liter Wasser benötigt, so kann es bei einem 120 kg-Bodybuilder auch das doppelte sein, um keine falsch hohen Werte zu bekommen, die nur unnötige Sorgen hervorrufen.

Infekt und Krankheit

Ein weiterer, nicht besorgniserregender Grund, warum im Blutbild ein erhöhter Hämatokritwert festgestellt werden kann ist ein aktiver oder zurückliegender Infekt. Wird der Körper durch virale oder bakterielle Erreger attackiert, aktiviert er sein Immunsystem auf verschiedenen Wegen. Ein wesentlicher Mechanismus zur Bekämpfung der Infektion ist dabei die Bildung weißer Blutkörperchen (Leukozyten), die Viren oder Bakterien entweder direkt oder die befallenen Zellen abtöten bzw. im wahrsten Sinne des Wortes auffressen. Damit dies möglichst schnell und gut gelingt, werden in sehr kurzer Zeit große Mengen an verschiedenen Leukozyten und auch anderen Immunzellen gebildet und ins Blut freigesetzt, was den zellulären Blutanteil natürlich erhöht. Ist zusätzlich noch eine (innere oder äußere) Gefäßverletzung vorhanden, über die der Erreger zum Beispiel auch erst ins Blut gelangen konnte, so kann auch die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) erhöht sein, die eine wesentliche Rolle in der Gerinnung und Reparatur von Gefäßschäden spielen. Dabei gilt: je stärker und systemischer (also den ganzen Körper betreffend) der Infekt, desto mehr ist mit einer Erhöhung des Hämatokrits zu rechnen. Diese kann auch noch Tage bis Wochen nach der Genesung anhalten, bis sich die Zahl der Immunzellen im Blut wieder eingependelt hat.

Differentialdiagnostisch könnte man deswegen beispielsweise akute Phasen-Proteine wie das CRP bestimmen lassen, die eine gewisse Information über entzündliche Vorgänge im Körper liefern können. Auch dieses kann zwar zB durch hartes Training verfälscht sein bzw. steigt bei viralen Infekten bei Weitem nicht so heftig an wie bei bakteriellen, dennoch liefert es nützliche Zusatzinformationen über den allgemeinen Gesundheitszustand und kann bei der Einordnung des Hämatokrit-Wertes nützlich sein. Besteht nämlich eine akute oder chronische Entzündung, so würde dies durch ein erhöhtes CRP sichtbar werden, was eine höhere Zahl an Immunzellen und damit auch einen erhöhten Hämatokrit teilweise erklären würde.

Osmolarität - Zucker, Harnstoff, Elektrolyte

Zusätzlich zum Hämatokrit selbst ist es auch sinnvoll, die Osmolarität des Blutes zu bestimmen. Diese gibt nämlich die Stoffmengenkonzentration an gelösten Teilchen bzw. chemischen Verbindungen im Blut an, wozu die Zellen eben nicht gehören. Da auch diese Teilchen aber am Flüssigkeitshaushalt beteiligt sind, kann eine Osmolaritätsbestimmung wichtige Informationen darüber liefern, wie der (erhöhte) Wert zustandekommen ist und wie der Hydrationsstatus eines Individuums ist. Eine erhöhte Osmolarität bedeutet, dass mehr chemische Verbindungen im Blut gelöst sind, was ein Hinweis auf eine zu geringe Trinkmenge (und damit auch einen falsch hohen Hämatokrit) sein kann. Allerdings sollte auch hier keine falsche Sicherheit erweckt werden: Ein erhöhter Hämatokrit in Kombination mit einer erhöhten Osmolarität kann zwar hinweisend auf Dehydrierung sein, was ja ein beruhigender Befund wäre, da sich der Hkt leicht senken lassen würde und bei normalem Hydrationsstatus ja unbedenklich wäre. Allerdings konsumieren Kraftsportler vermehrt Protein, was auch den Harnstoffgehalt im Blut ansteigen lässt. Außerdem führen etliche Substanzen (PEDs) auch dazu, dass ein erhöhter Blutzucker vorliegt (Prädiabetes). In diesem Fall wäre die erhöhte Osmolarität demnach nicht auf zu wenig Wasser, sondern mehr gelöste Teilchen als bei “Ottonormalverbrauchern” zurückzuführen - was den erhöhten Hämatokrit dann jedoch nicht erklären kann.

Welche Faktoren erhöhen nun den Hämatokrit?

Wie eingangs bereits erwähnt, ist der zelluläre Anteil am Blutvolumen ein wesentlicher Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, namentlich Thrombosen, Infarkte oder Embolien. Welche Faktoren führen nun aber dazu, dass man mehr Zellen im Blut hat (außerhalb der oben genannten “physiologischen” Gründe), und was kann man präventiv dagegen unternehmen?

PEDs

Leistungssteigernde Medikamente, besonders jene, die einen anabolen Effekt haben, wirken meist über das spezifische Muskelwachstum hinaus. Steroide wie Testosteron beeinflussen somit auch die Hämatopoese, also die Blutbildung, und führen direkt zu einem erhöhten Hämatokritwert. Natürlich ist dies nicht der einzige, jedoch der primäre Grund dafür, warum bei Bodybuildern so oft erhöhte Befunde aus dem Labor zurückkommen. Was können die Betroffenen aber dagegen tun? Die einfachste Methode wäre es natürlich, den Konsum von PEDs einzustellen, jedoch ist diese Variante für professionelle oder auch ambitionierte Freizeit-Bodybuilder nicht wirklich eine Option.

Eine andere Möglichkeit ist es, blutverdünnende Medikamente zu nehmen (etwa Acetylsalicylsäure), wie dies auch in der Infarktprophylaxe getan wird, um weitere Komplikationen in der Zukunft zu vermeiden und das Risiko einer Thrombose zu minimieren. Jedoch hat jedes weitere Medikament, das eingenommen wird, natürlich auch potenzielle Nebenwirkungen, belastet die meistens ohnehin schon am Limit arbeitende Leber zusätzlich und kann auch zu einer erhöhten Blutungsneigung führen.

Weniger “nebenwirkungsbehaftet” wäre daher, regelmäßig einen Aderlass vorzunehmen, etwa im Rahmen einer Blutspende. Wichtig ist dabei, dass nicht nur Plasma, sondern wirklich Vollblut gespendet wird, denn ersteres würde den Hämatokrit nicht senken, sondern noch weiter erhöhen! In Absprache mit einem Arzt kann so ein sinnvolles Intervall evaluiert werden, in dem ein Bodybuilder sich Blut entnehmen lässt, um seinen Hämatokrit in einen gesunden Bereich zu senken, sodass immer, wenn dieser wieder in einen ungesunden Bereich steigt, die nächste Spende geplant wird. Natürlich nimmt diese Intervention Zeit in Anspruch, jedoch ist sie gleichzeitig einfach, günstig und effizient und auf jeden Fall jedem zu empfehlen, der Steroid-bedingt ein erhöhtes Risiko für CV-Erkrankungen hat.

Ausdauertraining

Ein hoher Hämatokritwert muss allerdings nicht zwangsläufig etwas schlechtes sein. Bei Ausdauersportlern ist er sogar überaus erwünscht und wird mit allen erlaubten Mitteln zu steigern versucht. Gängige Methoden sind hier beispielsweise das Höhentraining oder spezielle Vorrichtungen, die einen niedrigeren Sauerstoffgehalt in der Luft simulieren. Diese (milde) Hypoxie bewirkt nämlich, dass der Körper über die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe - zB dem HIF (“hypoxia induced factor”) - die Blutbildung anregt, um den wenigen Sauerstoff, der über die Lunge noch aufgenommen wird, effizienter aufnehmen und transportieren zu können. Außerdem korreliert der Hämatokrit direkt mit der maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität (VO2max), die einer der aussagekräftigsten Prädiktoren für gesundes Altern ist.

Wenig überraschend erhöht also Ausdauertraining, welches ja ebenfalls eine temporäre Hypoxie simuliert, ebenfalls die Zahl der roten Blutkörperchen, was ein Mechanismus der Trainingsanpassung und Superkompensation ist. In diesem Fall ist eine solche körperliche Reaktion ja durchaus erwünscht, allerdings hat auch dies seine Grenzen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hat nicht zuletzt aus gesundheitlichen Überlegungen, aber auch zur Prävention von Doping eine Obergrenze des Hämatokrit-Wertes festgelegt, über dem getestete Athleten von Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Zwar beweist ein Überschreiten dieses Grenzwertes, der für jeden Athleten aufgrund seiner Historie, Genetik etc. individuell ermittelt wird, noch kein Doping, doch er soll jedenfalls die Gesundheit des Athleten schützen. Wird das Blut nämlich durch Dehydrierung oder eben zu viele rote Blutkörperchen zu viskös, drohen auch Spitzensportlern Herzinfarkte oder Schlaganfälle, was im ersten Moment durchaus erschreckend klingen mag. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, dass immer wieder auch sehr junge, eigentlich am Gipfel ihrer Gesundheit und Leistungsfähigkeit stehende Athleten in Ausdauerdisziplinen plötzlich versterben, so wird nun auch klar, was einer der Gründe dafür sein kann, neben angeborenen Herzfehlern oder Kardiomyopathien.

Schlafapnoe

Der gleiche Mechanismus, der beim Höhentraining bewusst eingesetzt wird, kann auch als Nebenwirkung einer anderen Erkrankung auftreten - nämlich der Schlafapnoe. Die oft mit Übergewicht assoziierte, aber eben auch bei Bodybuildern sehr oft auftretende Krankheit ist durch eine (teilweise) Verlegung der Atemwege während des Schlafes gekennzeichnet - entweder durch die große Körpermasse im allgemeinen oder die Muskulatur im speziellen. Menschen, die an Schlafapnoe leiden, erleben jede Nacht mehrere Erstickungsanfälle, die auch lange unbemerkt bleiben können, weil sie nicht immer zwingend dazu führen, dass der oder die Betroffene aufwacht. Allerdings leidet die Schlafqualität massiv unter diesen wiederkehrenden Atemaussetzern und führt dazu, dass man sich tagsüber immer schlapp und müde fühlt, obwohl man eigentlich “genug” schläft. Dies kann zu weiteren Folgeerkrankungen führen, unter anderem aber sorgen die wiederkehrenden Sauerstoffmangel-Phasen dafür, dass wie beim Höhentraining mehr rote Blutkörperchen gebildet werden. Die anabolen Steroide und die große Körpermasse haben somit auch indirekt einen Effekt auf die Erythropoese.

Die Lösung der Wahl für viele ambitionierte Sportler, für die ein Muskelabbau bzw. Gewichtsverlust keine Option darstellt (bei Übergewicht wäre diese Intervention anzuraten) ist eine sogenannte CPAP-Maske. CPAP steht für “continuous positive airway pressure”, stammt aus der Intensivmedizin und sorgt durch einen Überdruck dafür, dass die Atemwege stets geöffnet bleiben und die Atemarbeit signifikant reduziert wird. Die Maske wird nachts luftdicht über Mund und Nase gelegt und kann die Schlafqualität sehr positiv beeinflussen - wenn man bereit ist, die natürlich etwas umständliche und aufwändige Handhabung dafür in Kauf zu nehmen. Viele Bodybuilder schwören allerdings auf derartige Geräte, da guter Schlaf DAS wichtigste Regenerationstool ist, das es gibt.

Fazit

Der Anteil der zellulären Bestandteile am Blutvolumen entscheidet - ausgenommen es handelt sich um verfälschte Werte (Krankheit, Hydrationszustand) - darüber, wie viel Sauerstoff im Blut transportiert werden kann. Allerdings ist “mehr” nicht immer “besser”, da ab einer gewissen Schwelle auch die Viskosität und die Gefahr einer Thrombose massiv ansteigt. Es ist daher im sportlichen, aber auch allgemein im gesundheitlichen Kontext ein Wert anzustreben, der zwar nicht zu niedrig, jedoch auch auf keinen Fall zu hoch sein sollte. Auf natürlichem Wege passiert dies auch selten, allerdings sind Bodybuilder, die PEDs konsumieren besonders gefährdet, einen hohen Hämatokritwert zu bekommen. Dies liegt einerseits an der direkten Wirkung anaboler Substanzen auf die Blutbildung, andererseits aber auch an den Begleitumständen, die der Steroidkonsum mit sich bringt (Schlafapnoe). Um das Risiko einer kardiovaskulären Komplikation zu verringern, ist es sehr zu empfehlen, ein Intervall zu finden, in dem man als Bodybuilder durch einen Aderlass eine temporäre Senkung des Hämatokrits erwirken kann. Dabei ist ein Zielwert anzustreben, der auf jeden Fall unter 55, besser jedoch unter 50 liegt. Andernfalls läuft man Gefahr, durch die akuten Folgen des PED-Konsums eine schwere ischämische Attacke zu erleiden, die zu schwersten Folgeschäden oder sogar zum Tod führen kann. Wie immer ist die Rücksprache mit dem Arzt des Vertrauens sicher die beste Möglichkeit, auch noch weitere Optionen zu besprechen, jedoch sollte man sich immer des Risikos bewusst sein und dieses nicht einfach ignorieren.

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Artikel ein bisschen weiterhelfen und dir den Hämatokritwert und seine Einflussfaktoren etwas besser verständlich machen. Wie immer freue ich mich sehr auf eine Rückmeldung und ein Follow/Like auf Instagram für weitere solcher Blogs. Alles Gute und pass auf dich auf, Jakob

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