PEDs im Breitensport
Wenn man an Testosteron, anabole Steroide und andere sogenannte “Performance-enhancing-drugs” oder PEDs denkt, dann kommen den meisten Menschen wohl als erstes Profi-Bodybuilder in den Sinn. Diese Berge an definierter Muskulatur, die internationale Wettkämpfe bestreiten und für viele junge Sportler Vorbilder in einer Sportart sind, die sich immer größer werdender Popularität erfreut, sind jedoch nicht die einzige “Zielgruppe” dieser Substanzen.
Der Gebrauch androgener, anaboler Steroide (AAS) und anderer leistungssteigernder Substanzen ist in den meisten Ländern illegal und strafbar. Manchmal reicht dazu der persönliche Gebrauch schon aus, in anderen Ländern wiederum ist nur der Verkauf solcher Substanzen ein gesetzliches Vergehen. Zweifelsfrei verstößt man beim Gebrauch von PEDs aber gegen die international gültigen Richtlinien der Worldwide Anti-Doping Agency (WADA). Diese definiert eine eigene Liste an Substanzen, Medikamenten, aber auch Praktiken (Eigenblutdoping), die als unzulässige Maßnahmen zur Leistungssteigerung definiert werden, die dem Athleten oder der Athletin einen unfairen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen. Um den Gebrauch auszuschließen, werden im Spitzensport stichprobenartig und auch systematisch Doping-Kontrollen vorgenommen, die es potenziellen Betrügern so schwer wie möglich machen sollen, ihre Leistung durch unzulässige Mittel zu steigern. Wenn man bedenkt, dass bei vielen Sportlern die eigene Existenz und möglicherweise auch das Wohlergehen der eigenen Familie aus finanzieller Sicht von der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit abhängt, dann scheint es nachvollziehbar, warum manche AthletInnen den Gebrauch verbotener Substanzen in Erwägung ziehen. Auch der Ruhm und das Ansehen, das Siege in einer Sportart auf internationalem Niveau mit sich bringen, lässt so manche SportlerInnen die Grenze zur Illegalität überschreiten.
Aber selbst im Breitensport, bei dem es weder um große Summen Geld, noch Ansehen geht, greifen viele Menschen zu Substanzen, die ihre Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen. Die Motive sind so vielfältig wie die Freizeitathleten selbst, besonders auffällig ist jedoch die Häufung von Substanzge- und -missbrauch bei Menschen mit ästhetischen Zielen. Entgegen der verbreiteten Annahme sieht man es nicht jedem Konsumenten anaboler Steroide an, dass er diese täglich injiziert. Wie effektiv diese nämlich den Muskelaufbau beeinflussen und welche Dosis dafür notwendig ist, ist hochgradig individuell und bei jedem Menschen komplett anders - vergleichbar mit der Toleranz von Alkohol, Nikotin oder Medikamenten, die auch bei jedem Menschen anders ausgeprägt ist.
Bodybuilding, andere Sportarten und PEDs
Am bekanntesten sind wohl die Dopingfälle in den olympischen Sportarten wie dem Radsport. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben sich die Skandale um den vermeintlich vielfachen Gewinner der Tour de France, Lance Armstrong, der viele Jahre nach seiner Pensionierung noch des Dopings während aller dieser Rundfahrten überführt wurde. Auch rund um die Winterspiele von 2014 in Sotchi wurde ein staatlich organisiertes Dopingnetzwerk in Russland aufgedeckt, welches bis heute sanktioniert wird, wodurch viele russische AthletInnen nach wie vor unter neutraler Flagge bei internationalen Sportwettkämpfen an den Start gehen müssen.
Im Bodybuilding jedoch gelten andere Regeln. Hier gibt es (je nach Verband) ausdrücklich keine Anti-Doping-Vorschriften und dementsprechend auch keine Kontrollen. Es ist allgemein bekannt und anerkannt, dass die SportlerInnen auch leistungssteigernde Substanzen in Vorbereitung auf ihre Wettkämpfe nutzen, um ihr Aussehen zu beeinflussen und den maximalen Muskelaufbau zu erziehlen. Ob man diese Tatsache nun für gut oder schlecht hält, muss jeder für sich selbst beantworten, doch es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Bodybuilding die einzige Sportart ist, in der mit “unlauteren” Mitteln gearbeitet wird - mit dem Unterschied, dass es hier ein offenes Geheimnis ist. Und das färbt auch auf den Breitensport ab: Je nachdem, welche Studie man heranzieht, geben zwischen 10 und ca. 30% aller Fitnessstudiobesucher an, leistungssteigernde Substanzen zu nutzen oder genutzt zu haben, wobei Anatole Steroide dabei mit Abstand am häufigsten genutzt werden. Wenn man bedenkt, dass dieses Thema trotz allem noch mit einem Stigma (und auch potenziell rechtlichen Konsequenzen) einhergeht, so kann man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer dabei noch höher liegt.
Doch auch in anderen Sportarten ist Doping im Freizeitbereich kein unbeschriebenes Blatt. Auch Ausdauerathleten nutzen leistungssteigernde, eigentlich verschreibungspflichtige Medikamente, selbst wenn es dabei vermeintlich “um nichts geht” außer ihr persönliches Erfolgserlebnis. Das Doping-Problem somit auf den stereotypen “Pumper” zu reduzieren, ist somit zu kurz gegriffen, wie eine Studie zeigt, die den Anteil “dopender” Freizeit-Triathleten in Deutschland auf 7% (physisches Doping) bzw. 9,4% (kognitives Doping, Stimulanzien etc.) beziffert.
Wie kann mit dieser Information umgegangen werden?
Im professionellen Kontext von Sportwettkämpfen, die den WADA-Regularien unterliegen und natürlich auch im Rahmen der jeweiligen Landesgesetze ist der Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen illegal und betrügerisch und deshalb ganz klar zu verurteilen. Im Freizeit- und Breitensport sowie in Sportarten wie Bodybuilding betritt man sowohl im rechtlichen, als auch im ethischen Kontext eine Grauzone. Ich möchte mir dabei kein moralisches Urteil anmaßen, wenn sich jemand dazu entscheidet, pharmakologisch “unterstützt” seine persönlichen Ziele zu verfolgen, solange es sich im Rahmen des Gesetzes befindet und niemand sonst dadurch Schaden nimmt. Gerade auch im Bodybuilding sind die Grenzen zwischen Amateur- und Profisport sehr fließend und es gibt kaum Beispiele für SportlerInnen, die alleine durch den Sport ihren Lebensunterhalt verdienen. Da man in dieser Sportart aber argumentieren könnte, dass ein gewisses Maß an PED-Konsum fast schon “dazugehört”, sobald es auf die professionelle Ebene geht, ist es schwer, eine Grenze zu ziehen, ab wann dieser “gerechtfertigt” ist und wann nicht.
Letzten Endes muss jeder Sportler (im Bodybuilding) diese Entscheidung für sich treffen und ich kann sowohl Verfechter des zu 100% “cleanen” Sports verstehen, aber respektiere auch die Argumentation der Gegenseite. Was mir persönlich in der ganzen Debatte jedoch am Herzen liegt, ist, dass jede Entscheidung auf Basis von Wissen und nicht impulsiv getroffen wird. Jeder chemische Eingriff in die Homöostase des (gesunden) Körpers hat nämlich neben der gewünschten Wirkung auch unvermeidliche Nebenwirkungen und Risiken, derer man sich VOR dem Start einer “Unterstützung” bewusst sein sollte. Außerdem bin ich der Meinung, dass ein verantwortungsvoller Athlet, wenn er sich zum Substanzgebrauch entscheidet, dabei die gesündeste (und in Bezug auf die Dosis kleinste) Herangehensweise wählen sollte, die den gewünschten Effekt erzielt. Und dabei sollte man sich auch professionelle und objektive Unterstützung von außen holen.
Sind diese Kriterien erfüllt, so würde ich nicht von vornherein jeden Menschen verurteilen, der diesen Weg wählt. Und dennoch möchte ich auf diesem Blog darüber aufklären, dass egal wie vorsichtig an die Sache herangegangen wird IMMER ein Restrisiko besteht, das man in Kauf nehmen muss. Und man sollte sich auch im Vorhinein über das Ausmaß potenzieller Nebenwirkungen im Klaren sein - denn diese betreffen nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale Gesundheit, weshalb eine kontinuierliche Begleitung von außen so wichtig ist. Vor diesem Hintergrund ist es angebracht, darauf hinzuweisen, wie viele andere Stellschrauben man zur Verfügung hat, die eigene sportliche Leistungsfähigkeit und den Muskelaufbau zu optimieren, BEVOR zu PEDs gegriffen wird. Training, Ernährung und Regeneration stellen nämlich das unabdingbare Fundament dar, das den persönlichen Erfolg auch mit Unterstützung zu 90% bestimmt. Nicht umsonst lautet deshalb der Terminus “performance-ENHANCING”, denn kein Medikament der Welt kann halbherziges Training oder eine schlechte Ernährungsweise kompensieren. Ich möchte deshalb jeden Leser und jede Leserin ermutigen, sich zuallererst mit der Optimierung der Grundlagen zu beschäftigen und diesem Prozess unter optimalen Voraussetzungen einmal ein paar Jahre Zeit zu geben. Über diesen Zeitraum wird es jedem möglich sein, sehr viel auf natürlichem Wege zu erreichen und sich laufend zu verbessern (wozu auch die anderen Rubriken meines Blogs da sind). Und sollte die Leidenschaft für den Sport wirklich so groß sein, dann besteht auch in 5 Jahren noch die Möglichkeit, auf den bis dahin erzielten Erfolgen aufzubauen, wenn die Weiterentwicklung langsam zu stagnieren beginnt und das natürliche genetische Potenzial ausgereizt ist.
Wenn du selbst auf der Suche nach professioneller Anleitung/Beratung/Überwachung in Bezug auf Training und Ernährung bist oder auch Fragen zu diesem oder anderen Blogs hast, dann melde dich gerne über das Kontaktformular bei mir! Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem und anderen Artikeln auf meiner Seite einen Mehrwert bieten und würde mich freuen, dich hier nicht das letzte Mal gesehen zu haben. Inzwischen alles Gute und bis bald!
Jakob
Quellenangaben (alphabetisch):
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Besharat, M. (2020). The use of performance-enhancing substances amongst recreational gym users: investigating prevalence, knowledge, risk factors and attitudes toward doping.
Seifarth, S., Dietz, P., Disch, A., Engelhardt, M., & Zwingenberger, S. (2019). The Prevalence of Legal Performance-Enhancing Substance Use and Potential Cognitive and or Physical Doping in German Recreational Triathletes, Assessed via the Randomised Response Technique. Sports, 7. https://doi.org/10.3390/sports7120241.
Tavares, A., Carolino, E., Rosado, A., Calmeiro, L., & Serpa, S. (2022). Characteristics of Gym-Goers Performance-Enhancing Substance Use. Sustainability. https://doi.org/10.3390/su14052868.
Tavares, A., Serpa, S., Horta, L., Carolino, E., & Rosado, A. (2020). Prevalence of Performance-Enhancing Substance Use and Associated Factors among Portuguese Gym/Fitness Users. Substance Use & Misuse, 55, 1059 - 1067. https://doi.org/10.1080/10826084.2020.1726392.