Kardiovaskuläre Gesundheit und AAS

Im zweiten Teil der Reihe zu Gesundheitsrisiken im “Enhanced” Bodybuilding soll es noch einmal fokussiert um das Herz-Kreislauf-System gehen. Dieses Organsystem ist deshalb so relevant, da die meisten krankheitsbedingten Todesfälle auf kardiovaskuläre Erkrankungen zurückzuführen sind. Auch andere Krankheiten und Risikofaktoren wie zB Adipositas, Alkoholkonsum oder Rauchen haben letzten Endes auch im Blutkreislauf-System Auswirkungen, und die tödlichen Zwischenfälle sind meist ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder ein Nierenversagen, welches ebenfalls stark mit der Leistung des Herzens, dem Blutdruck etc. zu tun hat.

Außerdem soll es hauptsächlich um die Auswirkungen Androgener Anaboler Steroide gehen, da diese wohl die negativsten Auswirkungen auf die kardiovaskuläre Gesundheit haben und darüber hinaus die Basis der “Unterstützung” eines jeden Bodybuilders formen, die auch in der höchsten Dosierung aller Pharmaka injiziert werden. Studien zu diesem Thema durchzuführen, kann sich insofern schwierig gestalten, da keine Ethikkomission es erlauben würde, prospektiv Probanden Substanzen in einer Dosierung zu verabreichen, die deren Gesundheit ganz offensichtlich schadet. Daher müssen Kontrollkollektive gefunden werden, die solche Präparate nicht konsumieren, was dann allerdings wieder der Vergleichbarkeit schadet - schließlich sind Blutmarker höchst individuell und haben auch eine starke genetische Komponente. Zusätzlich kommt noch der Lebensstil dazu, der ja ebenfalls keine unerhebliche Rolle für die kardiovaskuläre Gesundheit spielt. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass die meisten Bodybuilder, die den Sport so ambitioniert betreiben, dass sie auch AAS gebrauchen, meist einen sehr gesunden Lebensstil mit viel Aktivität und gesunder und auch strukturierter Ernährung pflegen. Es kann also durchaus davon ausgegangen werden, dass - falls negative Konsequenzen im Vergleich zur Kontrollgruppe zu beobachten sind - diese primär auf den Substanzgebrauch zurückzuführen sind, da die Allgemeinbevölkerung vermutlich weniger gesundheitsbewusst lebt als das Kollektiv der Bodybuilder.

Zu diesem Schluss kommt auch eine Beobachtungsstudie aus Dänemark, die Steroid-Nutzer mit der Allgemeinbevölkerung verglich und dabei eine erhöhte Rate an kardiovaskulären “Events”, also Schlaganfällen oder Herzinfarkten, feststellte.

Windfeld-Mathiasen, J., Heerfordt, I., Dalhoff, K., Andersen, J., Andersen, M., Johansson, K., Biering-Sørensen, T., Olsen, F., & Horwitz, H. (2025). Cardiovascular Disease in Anabolic Androgenic Steroid Users. Circulation, 151, 828 - 834. https://doi.org/10.1161/circulationaha.124.071117.

Man kann jedoch auch mechanistisch erklären, warum AAS zu einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko führen, denn die Pathogenese ist dabei relativ klar. Anders formuliert: Wir wissen, warum Testosteron und Co. in supraphysiologischen Dosierungen das Kerz-Kreislauf-System schädigen und tappen dabei nicht im Dunkeln. Ein paar Gründe möchte ich im folgenden herausgreifen und etwas genauer und hoffentlich verständlich erklären.

Hämatokritwert und rote Blutkörperchen

Der erste und vermutlich auch einer der wichtigsten Parameter, die vom Konsum anaboler Steroide verändert werden, ist der erhöhte Anteil der festen Blutbestandteile oder auch Hämatokrit. Funktionell ist dies leicht zu erklären: Neben der Muskelproteinsynthese wird auch die Blutbildung im Knochenmark durch die exogene Hormongabe angeregt, was zu einer vermehrten Bildung von Blutzellen und damit zu einem erhöhten Hämatokritwert führt. Dieser hat physiologisch auch einen Nutzen, denn je mehr Erythrozyten zur Verfügung stehen, desto mehr Sauerstoff kann gleichzeitig durch den Körper transportiert werden, um den erhöhten Bedarf von Muskeln etc. zu stillen. Nicht zuletzt deswegen wurde im Ausdauersport lange Zeit mit EPO (Erythropoetin) gedopt, welches den gleichen Effekt hat. Allerdings hat der erhöhte Zellenanteil auch einen wesentlichen Nachteil, nämlich die steigende Viskosität des Blutes. Je “dickflüssiger” dieses nämlich wird, desto mehr Arbeit muss das Herz verrichten, um die gleiche Blutmenge zu bewegen. Außerdem steigt die Anfälligkeit für Gerinnsel, da auch die Blutplättchen erhöht sind. Überschreitet der Hämatokritwert also die 55%, so sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden, um Gegenmaßnahmen wie etwa einen Aderlass durchzuführen, der den zellulären Blutanteil wieder senken kann. Dies ist eine effektive Methode, dem erhöhten Gerinnungsrisiko zu begegnen, dennoch besteht natürlich weiterhin die Gefahr, dass besonders bei hohem Blutdruck Gefäße schaden nehmen, sich Thromben bilden und an einer ausreichend schmalen Stelle zu einer Gefäßverlegung führen können. Deshalb ist der Hämatokritwert auch ein diagnostisch wichtiger Wert, der besonders bei “enhanced” Bodybuildern regelmäßig abgenommen und bestimmt werden sollte.

Bei Dopingkontrollen in anderen Sportarten wird ein erhöhter Hämatokritwert sogar als indirekter Hinweis auf unlautere Leistungssteigerungen mit AAS genutzt - besonders, wenn dieser in Kombination mit einem niedrigen HDL-Cholesterinwert kombiniert auftritt, was mich auch zu der nächsten Auswirkung von AAS bringt.

Christou, G., Christou, M., Žiberna, L., & Christou, K. (2019). Indirect clinical markers for the detection of anabolic steroid abuse beyond the conventional doping control in athletes. European Journal of Sport Science, 19, 1276 - 1286. https://doi.org/10.1080/17461391.2019.1587522.

HDL- und LDL-Cholesterin

Ein weiterer wesentlicher Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist das vielzitierte Cholesterin. Hier spielt besonders die Genetik eine große Rolle, wobei ein niedriges LDL- und ein vergleichsweise hohes HDL-Cholesterin als kardioprotektiv angesehen wird. Anabole Steroide bewirken jedoch das genaue Gegenteil - nämlich eine HDL-Senkung und eine LDL-Erhöhung. Letztere wäre weniger problematisch, da der LDL-Wert medikamentös mittlerweile ohne große Nebenwirkungen gesenkt werden kann. Ein niedriger HDL-Wert allerdings stellt ein Problem dar, da eine Steigerung bisher nur in geringem Maße durch Bewegung und körperliche Aktivität erzielt werden konnte. Nicht zuletzt deshalb sind Bodybuilder während des ganzen Jahres neben dem Krafttraining dazu angehalten, sich auch regelmäßig anderweitig körperlich zu betätigen und ihr Herz-Kreislauf-System zu stärken, das bei reinem Krafttraining nicht wirklich gefordert wird. Ist dies nämlich nicht Teil der Routine, steigt das Risiko für die Bildung von arteriosklerotischem Plaque, Herzinfarkten und Schlaganfällen stark an.

Der HDL-Wert hat darüber hinaus eine Bedeutung über das kardiovaskuläre System hinaus: Das Risiko der Gesamt-Mortalität, aber auch von malignen Krebserkrankungen und eben schon angesprochenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen korrelierte in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2020, in der Daten von 37 prospektiven Kohortenstudien miteinbezogen wurden, mit dem HDL-Wert in einer J-förmigen Kurve. Das bedeutet, dass sowohl sehr niedrige HDL-Cholesterinwerte als auch sehr hohe negative Konsequenzen hatten, wobei letzteres extrem selten ist und meistens auch ein sehr hohes LDL-Cholesterin mitbedingt. Aufgrund der stark erniedrigenden Wirkung von AAS kann also durchaus behauptet werden, dass diese auch ein allgemein erhöhtes Sterbe- und Krebsrisiko mit sich bringen, wenn sie in entsprechender Dosis verabreicht werden.

Zhong, G., Huang, S., Peng, Y., Wan, L., Wu, Y., Hu, T., Hu, J., & Hao, F. (2020). HDL-C is associated with mortality from all causes, cardiovascular disease and cancer in a J-shaped dose-response fashion: a pooled analysis of 37 prospective cohort studies. European Journal of Preventive Cardiology, 27, 1187 - 1203. https://doi.org/10.1177/2047487320914756.

Blutdruck

Anabole Steroide haben auch eine Auswirkung auf den Blutdruck, was isoliert schon nachteilig wäre, in Kombination mit den anderen Effekten jedoch fatal sein kann. Ein erhöhter Blutdruck, wie er durch die Verabreichung dieser Präparate verursacht wird, ist ein chronischer Belastungsfaktor für das Herz. Dieses muss nämlich dann mit jedem Schlag gegen einen größeren Widerstand arbeiten, der im Gefäßsystem herrscht und benötigt dafür mehr Energie und Kontraktionskraft. Des Weiteren “drückt” das Blut im wahrsten Sinne des Wortes stärker gegen die Gefäßwände, was das entstehen von Mikroläsionen begünstigt und längerfristig zu arteriosklerotischen Plaques und auch einer reaktiven Versteifung der Gefäße führt - allesamt weitere Risikofaktoren für ein Akutes Coronarsyndrom und andere Folgeerkrankungen.

Auch das Ausmaß, in dem Steroide hier wirken, ist erschreckend. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 untersuchte dabei sportlich aktive Menschen und Sportler, die diese Substanzen nutzten und stellte dabei fest, dass sich deren Systolischer Blutdruck im Vergleich zur Kontrollgruppe um 9-15 mmHg erhöhte, der diastolische um 5-10 mmHg - und das, obwohl die Probanden sonst ganz offensichtlich eher gesund lebten. Wenn man bedenkt, dass der Blutdruck allgemein mit Werten von 120/70 mmHg als gesund, ab 140/80 mmHg aber schon als Bluthochdruck eingestuft wird, so wird auch klar, dass selbst bei gesunder Lebensweise der Gebrauch von AAS zwischen normalem oder Bluthochdruck entscheiden kann.

Liu, M., & Yu, Y. (2025). Adverse Effects of Anabolic Androgenic Steroid Abuse in Athletes and Physically Active Individuals: A Systematic Review and Meta-Analysis. Substance Use & Misuse, 60, 873 - 887. https://doi.org/10.1080/10826084.2025.2460986.

Blutgerinnung

Wie unter der Überschrift “Hämatokrit” schon angedeutet, erhöhen AAS nicht nur den Anteil der festen Blutbestandteile im Allgemeinen, sondern auch jenen der Blutplättchen im speziellen, die ihrerseits eine wichtige Rolle in der Gerinnung spielen. In Kombination mit den ungünstigen Lipidprofilen und der erhöhten Arterioskleroseneigung hat dieser erhöhte Thrombozytenanteil nämlich den Effekt, dass das Blut eher zu koagulieren tendiert, also zur Bildung fester, kleiner Blutgerinnsel, die in weiterer Folge Blutgefäße verlegen können. All diese Auswirkungen sind natürlich nicht isoliert, sondern als dynamisches Gesamtgeschehen zu verstehen: Einerseits sorgen die hohen LDL- und niedrigen HDL-Werte dafür, dass sich arteriosklerotischer Plaque bildet. Dieser kann durch den hohen Druck auf die Gefäßwände (hoher Blutdruck) und den insgesamt visköseren Zustand des Blutes (Hämatokrit) dazu führen, dass diese Plaques rupturieren und sich lösen. Das wiederum führt zu einer Gefäßverletzung, die die intravasale Gerinnung, die ohnehin schon “in den Startlöchern” steht, aktiviert. Es bilden sich Thromben, die dann in alle möglichen kleinen Gefäße geschwemmt werden können und sowohl periphere, als auch zentrale Ischämien und Infarkte auslösen können - ein Teufelskreis, der an mehreren Stellen von AAS noch verstärkt wird.

Chang, S., Münster, A., Gram, J., & Sidelmann, J. (2018). Anabolic Androgenic Steroid Abuse: The Effects on Thrombosis Risk, Coagulation, and Fibrinolysis. Seminars in Thrombosis and Hemostasis, 44, 734 - 746. https://doi.org/10.1055/s-0038-1670639.

Roșca, A., Vlădăreanu, A., Mititelu, A., Popescu, B., Badiu, C., Caruntu, C., Voiculescu, S., Onisâi, M., Gologan, Ş., Mirică, R., & Zagrean, L. (2021). Effects of Exogenous Androgens on Platelet Activity and Their Thrombogenic Potential in Supraphysiological Administration: A Literature Review. Journal of Clinical Medicine, 10. https://doi.org/10.3390/jcm10010147.

Kardiomyopathien

Anabole Steroide sollen vor allem eines fördern - den Muskelaufbau. Aber es sind nicht nur die sichtbaren und als “ästhetisch” wahrgenommenen Muskeln wie der Bizeps oder die Brustmuskulatur - auch unser Herz ist von dem Wachstum betroffen. Dies ist allerdings aus gesundheitlicher Sicht nachteilig, da ein großes Herz anfälliger für Minderperfusionen, Hypoxie und Energiemangel ist und es außerdem zu Störungen der Reizweiterleitung kommen kann. Besonders ein verdicktes Septum im Bereich der Ventrikel stellt hier ein Problem dar - alles Effekte, die auch Steroidkonsum bewirken kann. Auch das Risiko für sogenannte Kardiomyopathien, also mit dem Herzmuskel assoziierte Erkrankungen, sind die Folge. Eine Beobachtungsstudie aus 2025 brachte den Gebrauch von AAS in Verbindung mit eben solchen Krankheiten, die potenziell auch eine ventrikuläre Dysfunktion nach sich ziehen können und somit akut lebensbedrohlich verlaufen können. Eine Fibrosierung des Gewebes mit plötzlich auftretendem Herztod wurde ebenfalls beobachtet.

Nutzer sollten sich dieses Risikos bewusst sein und regelmäßig eine echokardiographische Untersuchung durchführen lassen, mithilfe derer ein möglicher Umbau des Herzmuskels frühzeitig erkannt werden kann, bevor dieser irreversibel und so weit fortgeschritten ist, dass das Mortalitätsrisiko ohne Schrittmacher extrem ansteigt. Denn Kardiomyopathien sind auch oft mit Herzrhythmusstörungen verbunden, die manchmal komplett ungefährlich, aber auch fatal verlaufen können.

Iliakis, P., Stamou, E., Kasiakogias, A., Manta, E., Sakalidis, A., Vakka, A., Theofilis, P., Kourti, F., Konstantinidis, D., Dimitriadis, K., Vlachopoulos, C., & Tsioufis, C. (2025). Anabolic–Androgenic Steroids Induced Cardiomyopathy: A Narrative Review of the Literature. Biomedicines, 13. https://doi.org/10.3390/biomedicines13092190.

Di Fazio, N., Volonnino, G., Treglia, M., Delogu, G., Bubbico, T., Rinaldi, R., La Russa, R., & Maiese, A. (2025). Forensic approach in cases of anabolic-androgenic steroid abuse and cardiovascular mortality: insights from autopsy, histopathology, immunohistochemistry and toxicology. Frontiers in Cardiovascular Medicine, 12. https://doi.org/10.3389/fcvm.2025.1585205.

Iliakis, P., Stamou, E., Kasiakogias, A., Manta, E., Sakalidis, A., Vakka, A., Theofilis, P., Kourti, F., Konstantinidis, D., Dimitriadis, K., Vlachopoulos, C., & Tsioufis, C. (2025). Anabolic–Androgenic Steroids Induced Cardiomyopathy: A Narrative Review of the Literature. Biomedicines, 13. https://doi.org/10.3390/biomedicines13092190.

Balcer, B., & Dolata, N. (2024). Anabolic androgen steroids cardiovascular impact. Literature review. Quality in Sport. https://doi.org/10.12775/qs.2024.33.55118.

Fazit

Dass der Gebrauch anaboler androgener Steroide ein Gesundheitsrisiko darstellt, ist vermutlich jedem Nutzer bewusst. In welchen Facetten diese Nebenwirkungen aber auftreten können und wie sie alleine das Herz-Kreislauf-System negativ beeinflussen können, sollte dieser Blog etwas greifbarer machen. Natürlich treten diese Nebenwirkungen oder Komplikationen nicht bei jedem Athleten und in jeder Dosierung auf - manche nehmen vielleicht jahrzehntelang supraphysiologische Mengen der Präparate und kommen komplett ohne Schaden davon, während andere bereits von niedrigen Dosen signifikant verschlechterte Blutwerte bekommen. Jedenfalls ist, sollte der Gebrauch dieser Substanzen erwogen werden, im Interesse der eigenen Gesundheit höchste Vorsicht geboten. Ein proaktiver Ansatz, bei dem regelmäßige Blutkontrollen und Untersuchungen durchgeführt werden und ein engmaschiges Monitoring durch den Arzt des Vertrauens erfolgt, halte ich für extrem wichtig, wenn sich jemand zur Nutzung anaboler Steroide entscheidet. Und dennoch hoffe ich, dass so viele Sportler wie möglich den gesundheitsförderlichsten Weg einschlagen, der für sie in Frage kommt, da exogene Hormone doch einige sehr ernsthafte Folgeerkrankungen auslösen können.

Ich hoffe, dieser Blog hat dich interessiert und konnte ein bisschen zur Bildung und Information beitragen, falls du selbst oder jemand in deinem Umfeld mit dem Thema einmal in Berührung gekommen ist. Ich freue mich über Feedback oder ein Like oder Follow auf Instagram, wenn dir diese Artikel gefallen und du auch in Zukunft keinen mehr verpassen möchtest. Danke fürs Lesen und alles Gute! Jakob

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