Der Wechsel auf die “dunkle Seite”
In keiner anderen Sportart ist der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen so weit verbreitet (oder überhaupt erlaubt!) wie im Bodybuilding. Anders als in den olympischen Sportarten, Teamsportarten etc. gilt die Weltelite nicht als dopingfrei, sondern ist ganz offensichtlich durch pharmakologische Mittel “unterstützt”, die Muskeln zum Wachsen und den Fettabbau unterstützende Wirkungen bringen. Während sich für die allermeisten sportlich aktiven Menschen also diese Frage nie stellt, so setzen sich viele BodybuilderInnen früher oder später damit auseinander, ob sie “die Seiten wechseln” sollen und leistungssteigernde Substanzen, sogenannte “Performance-enhancing-drugs” oder PEDs, nutzen möchten, um ihr Aussehen und ihr Training auf ein neues Niveau zu heben. Ob man das nun gut findet oder nicht, sei dahingestellt - Fakt ist jedoch, dass es neben Training, Ernährung und Regeneration mit eine der wichtigsten Stellschrauben ist, an denen man drehen kann, um bei Wettkämpfen besser abzuschneiden. In anderen Sportarten spielen vielleicht Equipment, Technik, Ökonomisierung/Aerodynamik oder in Teamsportarten das Zusammenspiel innerhalb einer Mannschaft eine Rolle, doch Bodybuilder werden während ihres Wettkampfes alleine auf ihr Aussehen und ihre Bühnenpräsenz reduziert. Nicht umsonst spricht man in einschlägigen Kreisen deshalb auch von “gear”, also einem anderen Wort für Equipment/Ausstattung, wenn man eigentlich Dopingmittel meint. Aber wann ist der Punkt erreicht, an dem Sportler die “Seiten wechseln”? Ab wann ist der Gebrauch von PEDs “gerechtfertigt” und welche Faktoren sollten bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen? Diese Fragen möchte ich in diesem Blog beleuchten.
Dabei eines vorweg: Ich möchte niemandem explizit zur Einnahme von PEDs raten, im Gegenteil. Die meisten der konsumierten Mittel wirken sich negativ auf die langfristige Gesundheit von Athleten aus und sollten, wenn möglich vermieden werden. Da Leistungssport aber allgemein nicht per se “gesund” ist und wir ja auch im Alltag Dinge tun, die eigentlich “ungesund” sind (zB Alkohol oder Nikotin zu konsumieren) liegt es in der Hand jedes und jeder Einzelnen selbst, eine Entscheidung für sich zu treffen. Ich möchte deshalb auch niemanden verurteilen, der sich für die Einnahme leistungssteigernder Substanzen entscheidet, solange er/sie sich innerhalb des gesetzlich erlaubten Rahmens bewegt und diese Mittel nicht zu einem unfairen Vorteil in einem eigentlich dopingfreien Wettkampf nutzt. Und ich möchte mit diesen Artikeln über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufklären und dazu beitragen, dass jeder Konsum - sollte er sowieso stattfinden - auf die sicherste Art und Weise und in der geringsten und gesundheitsfreundlichsten Dosis betrieben wird. Dazu gehört auch eine Betreuung durch einen erfahrenen Trainer sowie regelmäßige (Blut-)Kontrolle bei einem qualifizierten - und im besten Fall informierten - Arzt, um negative Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegensteuern zu können.
Aspekte der Entscheidungsfindung
Motivation: Es mag vielleicht banal klingen, doch jeder Athlet und jede Athletin sollte sich VOR einer endgültigen Entscheidung länger damit auseinandergesetzt haben, warum er oder sie eigentlich leistungssteigernde Substanzen nutzen möchte. Es gibt dabei kein “richtiges” oder “falsches” Motiv, doch dieses sollte klar und reflektiert sein, selbst wenn es “nur” darum geht, besser aussehen zu wollen. Allerdings muss auch klar sein, dass dieser Weg eine langfristige Entscheidung ist, die sich auf das gesamte weitere Leben auswirken wird. Natürlich steht es jedem frei, etwaige “Unterstützung” auch wieder zu beenden, doch dieser Prozess ist oft mit negativen Symptomen auf psychischer und physischer Ebene verbunden, die langfristigen und irreversiblen Schäden auf körperlicher Ebene noch nicht einmal miteinbezogen. In der heutigen, sehr schnelllebigen Zeit kann es durch Schönheitsideale, die in sozialen Medien propagiert werden und dem allgemeinen Lechzen nach “instant gratification”, also der augenblicklichen Belohnung, dass impulsive Entscheidungen getroffen werden, die man später bereut. Nur aus einer Laune heraus in seinen 20ern Steroide zu nutzen, nur um vielleicht 5 Jahre später, wenn man sich Gedanken über die eigene Familienplanung macht, sich nichts sehnlicher wünscht, als rückgängig zu machen, was schon passiert ist, sollte nicht passieren. Deswegen halte ich es für sinnvoll, an dem Punkt, an dem man eigentlich eine Entscheidung fällen möchte, sich noch einmal einige Wochen oder Monate Bedenkzeit zu geben und zu beobachten, wie sich das Bauchgefühl verändert. Wird man ungeduldig? Geht es vielleicht nur um den “Kick” und die “Gains” im Hier und Jetzt, die man so schnell wie möglich haben möchte? Oder sieht man dem Tag gelassen entgegen, weil man weiß, dass man ohnehin langfristig plant und die Zeit bis dahin auch mit “naturalem” Training gut genutzt ist?
Trainingserfahrung und Leidenschaft: Wenn man bedenkt, welch signifikanter Eingriff in die persönliche Gesundheit die Nutzung von PEDs ist, so stellt sich zudem die Frage, inwieweit diese überhaupt (schon) notwendig sind. Wie lange trainiert man schon? Hat man alle anderen Parameter (Training, Ernährung, Regeneration) bereits über einen längeren Zeitraum optimiert und macht dennoch keine Fortschritte mehr? Wenn es nämlich noch andere Stellschrauben gibt, an denen man drehen kann, um weiter Fortschritte zu erzielen, warum dann seine Gesundheit aufs Spiel setzen? Außerdem sollte klar sein, dass man sein “Handwerk” versteht und auch wirklich für den Sport eine Leidenschaft empfindet und davon ausgeht, diesen langfristig zu betreiben, denn ansonsten ist der Einsatz, mit dem man “spielt”, einfach zu hoch. Kommen Athleten nach langjährigem Training, mit bereits bestehender Bühnenerfahrung, einer Leidenschaft für den Sport an sich (und nicht nur die Bestätigung von außen - siehe Punkt “Motivation”) und mit einem optimierten Lebensstil irgendwann an den Punkt, an dem sie vielleicht nicht alle, aber schon sehr viele Steine umgedreht haben und dennoch keine weiteren Fortschritte mehr erzielen, dann sehe ich persönlich den Punkt erreicht, an dem ich selbst es für mich gerechtfertigt finde, über PEDs nachzudenken. Handelt es sich aber um jemanden, der zwar trainiert, aber auch immer wieder einmal ein Training auslässt, wochenweise nicht trainiert, weil etwas dazwischen kommt und am Wochenende regelmäßig lange ausgehen und auf Alkohol zu diesen Gelegenheiten nicht verzichten möchte, dann würde ich von jeglichen pharmakologischen Mitteln abraten. Natürlich brauchen auch leidenschaftliche Bodybuilder eine gewisse Form von Balance in ihrem Leben und es ist nichts falsch daran, auch einmal auszugehen - doch regelmäßig seine Regeneration zu sabotieren, inkonsistent mit seinem Training zu sein und auch die Ernährung immer wieder schleifen zu lassen, wäre für mich dann doch “zu viel”. Und zwar nicht, weil ich es der Person nicht “vergönnen” würde, aber einfach aus dem Grund, weil durch diese Gewohnheiten noch so viel Potenzial auf der Strecke bleibt, was man ohne gesundheitsschädliche exogene Hormone noch ausschöpfen könnte. Deshalb gilt es, zuerst alle diese Faktoren auf Schiene zu bringen, auf Schiene zu halten und eine Zeit lang diesen Lebensstil zu führen, auch um für sich zu merken, ob die Liebe zu dem Sport wirklich groß genug ist, dass man dafür seine Gesundheit aufs Spiel setzen möchte.
Diese Gedanken sollen nicht wie ein moralisches Urteil klingen, denn auch der Konsum von Alkohol und Nikotin ist nicht minder gesundheitsschädigend und dennoch ist dieser gesellschaftlich viel akzeptierter. Es liegt mir nicht nur deshalb fern, die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen in Frage zu stellen, und dennoch möchte ich einfach dafür sensibilisieren, dass jede “performance-ENHANCING-drug” per Definition nur verstärken und verbessern kann, was ohnehin schon gut läuft. Auch deshalb ist es so wichtig, Training, Ernährung und Regeneration sehr ernst zu nehmen, da kein Steroid der Welt dieses Fundament ersetzen kann oder Ernährungs- oder Trainingsfehler ausgleichen wird, sondern diese wahrscheinlich nur noch verstärken und sichtbarer machen wird.
VOR dem ersten “Cycle”
Ist die Entscheidung einmal gefallen, hört die (mentale) Arbeit aber nicht auf - ganz im Gegenteil. Ein verantwortungsvoller Umgang mit PEDs beinhaltet die regelmäßige Evaluierung der eigenen Prioritäten, Zielsetzungen und die Reflexion des eigenen Prozesses. Eine umfangreiche Bestandsaufnahme der körperlichen und mentalen Gesundheit VOR dem ersten Konsum ist dabei wichtig, um Vergleichswerte dafür zu haben, wie der Körper und die Psyche funktioniert haben, vor exogene Pharmaka diese beeinflusst haben. So kann man auch den Einfluss von PEDs auf den Körper besser einschätzen bzw. später besser einordnen, was welche Werte und auch welche Stimmungen für einen selbst im großen Ganzen eigentlich bedeuten, weil man sehr schnell vergisst, wie es “vorher” war und die “neue Normalität” sehr schnell zum Alltag wird.
Ausgangswerte
Auf körperlicher Ebene wäre das ein umfassendes Blutbild, Fotos der Form und eventuell noch weitere Messwerte wie Blutdruck, Körperumfänge etc. Viele Steroide beeinflussen besonders den (Nüchtern-)Blutzucker, Leber und Blutfette, ein Vergleichswert als Ausgangspunkt ist somit sehr hilfreich, um später abschätzen zu können, wie stark sich diese Werte tatsächlich verändert haben, denn es kann dabei auch durchaus sein, dass man bereits eine familiäre Disposition für hohe/niedrige Cholesterinwerte hat und der Anstieg später bedenklicher oder aber auch weniger bedenklich ist, weil man von einem anderen Wert gestartet ist. Besonders wenn anabole Steroide wie Testosteron genutzt werden, ist ein “naturaler” Vergleichswert ebenfalls sehr sinnvoll. Der Grund dafür ist, dass die körpereigene Produktion von Sexualhormonen gedrosselt wird, sobald diese von außerhalb zugeführt werden. Wenn man also von Natur aus eher niedrige Spiegel aufweist, reicht es vielleicht, eine Dosierung zu wählen, die diesen auf den mittleren oder hohen physiologischen Bereich hebt, um großartige Erfolge zu erzielen. Andere Athleten, die bereits von Natur aus hohe Testosteronwerte aufweisen, müssen hingegen eventuell in den supraphysiologischen Bereich kommen, um überhaupt einen Effekt zu spüren.
Dosisfindung
Auch bei der Findung der individuellen ersten Dosis gilt es, geduldig zu sein. Das hat mehrere Gründe: Einerseits lässt es später mehr Spielraum für potenzielle Steigerungen und es können insgesamt mehr Fortschritte herausgeholt werden, zum Anderen - und darum geht es mir hauptsächlich - können Nebenwirkungen, Verträglichkeit und Wohlbefinden viel besser überwacht werden. Eine hohe Einstiegsdosis ist wie ein Schuss in die dunkle Nacht - es kann sein, dass man sein Ziel trifft, aber es ist ebenso gut möglich, dass man meilenweit verfehlt und sich nur selbst schadet. Sich von unten konservativ heranzutasten und immer die geringstmögliche Dosierung zu wählen, die einen “glücklich” macht, ist dabei immer der beste Weg, da er auch am wenigsten Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen mit sich bringt.
Wahl des Präparats
Auch hier haben Athleten durchaus Möglichkeiten, zunächst weniger aggressive Pharmaka zu wählen, die vielleicht nicht ganz so potent sind, jedoch dafür auch weitaus weniger Nebenwirkungen haben und dem Körper vielleicht kaum oder gar nicht schaden. Im Moment tut sich im Bereich der Peptide dabei ein großes Feld an vielversprechenden Substanzen auf, die die Gesundheit nicht oder kaum negativ zu beeinflussen scheinen und dabei einen nicht zu vernachlässigenden Effekt auf Regeneration und damit auch das Muskelwachstum haben könnten. Je niedriger die Früchte hängen, desto eher sollte man nach ihnen greifen. Besonders gilt das auch für Frauen, für die das Wirkungs- und Nebenwirkungsspektrum der meisten PEDs ungleich größer und stärker ausgeprägt ist, da sie über wesentlich geringere natürliche Androgenspiegel verfügen und jeder Eingriff auf dieser Ebene sich schneller und gravierender auswirken kann, weshalb nicht-vermännlichende Substanzen IMMER bevorzugt werden sollten - doch das wäre alleine ein Thema für einen eigenen Blog.
Allgemein sind vorsichtige und konservative Vorgehensweisen sicher nie falsch - denn selbst wenn die Wirkung eines Medikaments vielleicht nicht ganz so groß ist, so sind es meistens die Nebenwirkungen dafür auch nicht. Und werden erst einmal die “großen” Geschütze aufgefahren, so ist es schwierig, wieder zu weniger aggressiven Substanzen zurückzukehren, da sich auch der Körper und die Rezeptoren mit der Zeit an gewisse Dosierungen adaptieren, weshalb die meisten Substanzen auch nicht kontinuierlich, sondern intermittierend (zyklisch) eingenommen werden. Wie genau diese Protokolle aussehen sollten, müssen allerdings erfahrene Trainer mit ihren AthletInnen besprechen, da jeder Körper hoch-individuell ist und auch ganz anders auf exogene Substanzen und Dosierungen reagiert.
Abschließende Worte
Egal, welchen Standpunkt man gegenüber PEDs vertritt, es ist einfach hinzunehmen, dass diese im Bodybuilding oft ein Teil des Sports sind, da es sonst nicht ganz so viele Möglichkeiten gibt, die eigene Performance zu steigern. Am Ende des Tages muss jeder Athlet und jede Athletin selbst darüber entscheiden, ob er/sie den Gebrauch dieser Substanzen für sich möchte und dabei auch bereit ist, die Konsequenzen dafür zu tragen. Mein Anliegen dabei ist es, so gut wie möglich über potenzielle Folgeerscheinungen und Auswirkungen auf die körperliche und mentale Gesundheit aufmerksam zu machen und jeden und jede potenzielle/n KonsumentIn aufzuklären, damit diese eine informierte und reflektierte Entscheidung treffen können (illegale oder betrügerische Vorgehen lehne ich natürlich strikt ab). Solange niemandem sonst damit Schaden zugefügt wird, respektiere ich jeden Athleten, der diesen Weg einschlägt und bin auch gegen moralische Urteile, denn Leistungssport ist per Definition nicht “gesund” und der Lebensstil der allermeisten Menschen ebenso gesundheitsschädlich wie die Auswirkungen mancher PEDs. In einer perfekten Welt, in der jeder Mensch nur das Beste für seine Gesundheit tun würde, hätten PEDs natürlich keinen Platz - doch in der Realität möchte ich mich dennoch dafür einsetzen, dass wenn schon ein Gebrauch stattfindet, dieser unter den am wenigsten schädlichen Bedingungen und mit dem größtmöglichen Wissen praktiziert wird.
Ich hoffe, dass dir dieser Blog einige neue Sichtweisen und Informationen geliefert hat und einen Reflexionsprozess angestoßen hat, wenn du dich (selbst) für dieses Thema interessierst. Ich freue mich über Feedback oder einen Meinungsaustausch per DM oder über andere Kanäle! Alles Gute inzwischen und bis bald, Jakob