Sein “Warum” kennen
Es gibt einen Punkt, an dem stößt wahrscheinlich jeder regelmäßig Trainierende auf einen Widerstand, an dem er/sie zweifelt, warum er/sie das alles überhaupt macht oder auf sich nimmt. Egal, ob es darum geht, langfristig regelmäßig Krafttraining zu betreiben um im Alter gesund zu bleiben oder ob es darum geht, eine persönliche Bestform zu erreichen und vielleicht sogar an einem Bodybuilding-Wettkampf teilzunehmen - es wird Tage geben, an denen man nicht motiviert ist, das zu tun, was man sich vorgenommen hat. So ein “Motivationsloch” kann natürlich unterschiedliche Ausmaße annehmen - das Spektrum reicht dabei von “mit dem falschen Fuß aufgestanden” bis hin zu wirklich stärkeren Widerständen oder Einschränkungen, die das “Dranbleiben” erschweren. Auch die Wichtigkeit einer einzelnen Trainingssession kann variieren: ist es absolut entscheidend für die langfristige Gesundheit, ob man es in einer Woche nur einmal oder doch zweimal ins Fitnessstudio schafft? Wohl kaum. Ist es aber entscheidend, wenige Tage oder Wochen vor einem Wettkampf seinen Trainings- und Ernährungsplan einzuhalten, seine Makros zu hitten und alles für seine persönliche Bestform zu tun? Absolut. Doch egal wie wichtig oder unwichtig, wie schwer oder leicht die Überwindung an einem bestimmten Tag sein mag, die wichtigste Frage, die man sich für langfristigen Erfolg zwingenderweise stellen sollte, lautet, warum man überhaupt ein gewisses Ziel verfolgt.
Warum möchte ich langfristig fit bleiben? Warum möchte ich stärker werden? Warum möchte ich Muskeln aufbauen? Warum mache ich eine Wettkampfvorbereitung? Diese Frage - wie auch immer sie konkret aussieht - für sich selbst zu beantworten ist von unglaublicher Wichtigkeit und entscheidet nicht nur darüber, ob man sein Ziel auch erreicht, sondern auch den ganzen Prozess dorthin. Nur zu oft verfolgen Menschen Ziele aus Motiven, die an sich nicht schlecht, aber wenig nachhaltig sind: Wir streben nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Geld oder Akzeptanz von bestimmten Personen in unserem Leben, indem wir irgendeiner Karotte nachjagen, die vor unserer Nase hängt. Diese von außen kommenden, also “extrinsischen” Motivationsfaktoren können natürlich ein Anreiz sein, bestimmte Ziele zu verfolgen, nur tappen wir dadurch oftmals in die Falle, uns nur noch auf dieses Ziel zu konzentrieren und gar nicht mehr zu hinterfragen, ob wir überhaupt Freude an dem haben, worin unsere tägliche Arbeit auf dem Weg dorthin besteht. Wir tun Dinge, die wir eigentlich nicht wirklich mögen, nur um einen gewissen Status oder Zustand zu erreichen, von dem wir uns ein Gefühl von Erfüllung versprechen. Die Folge ist, dass wir - solange es sich um einen überschaubaren Zeitrahmen handelt - motiviert sind, unser Ding durchziehen und alles tun, um genau das zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Aber sobald wir dann an dem Punkt stehen, fällt unser Ziel und unsere Motivation, unser “Warum” weg. Im Sport ist dieses Phänomen bekannt als “Post-Olympic-Depression”, also einer ernsthaften psychischen Erkrankung, die darauf folgt, dass der Lebensinhalt von Athleten für einen sehr langen Zeitraum nur durch ein Ziel geprägt wird, welches dann plötzlich wegfällt, ohne dass sonst Dinge im Leben dieser Menschen existieren, für die es sich täglich lohnt, aus dem Bett zu steigen.
Auch uns kann es ähnlich gehen, wenn wir unser Ziel nur auf das Erreichen eines äußeren Statussymbols, einer Zahl oder einer Wettkampfzeit festmachen. Natürlich dürfen dies Dinge sein, die uns motivieren, aber kein Gewicht der Welt, keine Marathonzeit und auch keine Reaktion anderer Menschen macht uns zu anderen Personen. Die Baustellen, Unsicherheiten und Defizite, die wir vielleicht durch das Erreichen eines Zieles auszumerzen versuchen, werden auch darüber hinaus Bestand haben, was uns im Moment des Erreichens des Ziels entweder schmerzhaft bewusst wird oder auch unbewusst dazu führen kann, dass wir unseren Erfolg sabotieren, weil wir insgeheim Angst davor haben, was passiert, wenn die vorgegebene Richtung in unserem Leben wegfällt. Natürlich besteht dann die Möglichkeit, sich ein neues Ziel zu setzen, doch es wird unweigerlich zu einem Zeitpunkt kommen, an dem wir - motivationstechnisch - an eine Grenze stoßen. Denn das Erreichen jedes Ziels bedarf eines gewissen Maßes an Disziplin und wenn wir nur auf das Ziel und nicht auf den Prozess fokussiert sind, dann benötigen wir sehr viel davon. Das ist an sich auch nicht schlimm, doch je mehr Willenskraft wir aufwenden müssen, desto eher werden wir längerfristig frustriert sein, dass es nicht “leichter” wird oder die Ziele, die wir uns immer neu stecken, nicht wirklich dem gerecht werden, was wir uns von ihnen erhoffen.
So weit, so gut - doch wie kann die Frage nach dem “Warum” diese Probleme lösen? Ganz lösen kann sie sie wahrscheinlich ebenfalls nicht, und dennoch lohnt es sich, einen tiefer liegenden Grund dafür zu suchen, warum man ein gewisses Ziel anstrebt. Ist es wirklich nur eine gewisse Zielzeit bei einem Marathon? Ist es wirklich nur eine Zahl auf der Waage? Ist es wirklich nur ein Tag X, an dem man gut performen möchte? Oder steckt vielleicht doch mehr dahinter? Ich denke, die Antwort darauf muss jeder für sich selbst finden, doch ich kann an dieser Stelle ja einmal meine Gedanken zu diesem Thema teilen - vielleicht fühlt sich der ein oder andere dadurch inspiriert oder angesprochen…
Wenn ich an Training und Ernährung denke, fallen mir nämlich viele Dinge ein, aber nicht irgendein Aussehen, eine Zahl oder eine Zielzeit. All diese Dinge motivieren mich ebenfalls, doch worum es mir in Wirklichkeit geht, ist eine Form der Selbstwirksamkeit. Ohne dabei ins Detail gehen zu wollen, kennt wohl jeder Mensch von sich, ab und zu Zweifel an sich zu hegen, manchmal stärkere und manchmal schwächere. Wir haben auch alle schwierige Phasen auf emotionaler Ebene, die wir in unserem Leben durchschreiten müssen, Situationen, in denen wir uns alleine fühlen oder nicht mehr weiterwissen. Ich stand bereits sehr oft vor solchen Situationen und hatte und habe auch immer wieder Probleme mit meinem Selbstbewusstsein. Doch eine Konstante, die mich dabei immer begleitet hat, ist das Training. Egal, wie schlecht es mir ging, egal, wie schwierig oder ausweglos meine Situation mir gerade erschien, nach einem intensiven Training sah ich die Dinge immer klarer. Natürlich wurden meine Probleme dadurch nicht von alleine gelöst und ich musste auch in anderen Bereichen Schritte setzen, um etwas an meiner Lage zu ändern, doch das Training verschaffte mir die Klarheit, die Pause, die mein Kopf benötigte. Im Leben haben wir viele Dinge nicht in unserer Hand oder können nicht kontrollieren, was andere über uns denken. Doch zu versuchen, es allen recht zu machen und uns dabei selbst zu verlieren ist ein Fehler, den ich die längste Zeit meines Lebens gemacht habe. Das Training jedoch gehörte nie dazu. Meine Zeit im Fitnessstudio gehörte immer mir und bat mir einen Raum, an mir zu arbeiten, natürlich auf körperlicher Ebene, aber auch auf mentaler Ebene. Denn gerade in schwierigen Situationen, wenn wir wenig motiviert sind oder uns viele Dinge beschäftigen, zeigt sich, ob wir uns davon unterkriegen lassen oder nicht. Das Fitnessstudio bietet mir hier einen Ort, für mich selbst da zu sein, mir zu beweisen, dass ich unangenehme (zumindest temporär kann das Training ja durchaus manchmal sein) Dinge bewerkstelligen kann, selbst wenn mir nicht gerade danach ist. Nicht immer macht mir das Training Spaß, aber ich stelle mir deshalb nicht die Frage, ob es ausfallen soll oder nicht, denn für mich ist es ein elementarer Bestandteil meines Lebens, ein Ort, an dem ich ganz bei mir selbst sein kann. Was ich gerade beschrieben habe, ist mein “Warum” und ich kann mir persönlich keine stärkere Motivation vorstellen. Damit ich nicht nur drauflostrainiere (auch wenn auch das manchmal heilsam sein kann), gibt es natürlich auch Ziele, die ich mir im sportlichen Kontext stelle - doch diese zu erreichen ist mehr ein Bonus und gibt meinem Training Struktur. Das eigentliche Ziel ist es, ins Training zu gehen und den Prozess zu genießen, in allen Phasen des Lebens.
Das ist es auch, was mich antreibt und was meine Leidenschaft ist - weshalb ich auch einen Beruf anstrebe, in dem ich Menschen diese Art der Selbstverwirklichung vermitteln und ihnen dabei helfen kann, ihre Ziele zu erreichen - sei es auf gesundheitlicher oder auch ambitionierterer Ebene. Denn Sport, davon bin ich überzeugt, kann das Leben jedes und jeder Einzelnen von uns enorm positiv beeinflussen - auf körperlicher, aber eben auch auf mentaler Ebene.
Mit diesem Hintergrundwissen würde mich interessieren: Was ist dein Warum? Vielleicht nimmst du dir ja einmal Zeit, dir darüber Gedanken zu machen und lässt es mich dann in der Kommentarsektion wissen… Ansonsten wünsche ich dir einen wunderschönen Tag und hoffe, dass du für dich etwas mitnehmen konntest!