#7 - Sich selbst treu bleiben
In diesem Podcast wird es sehr persönlich. Es geht nämlich um das Thema, sein eigenes Selbst authentisch zu leben und welche Schwierigkeiten ich damit schon hatte.
In mir tief verankert liegt der Glaubenssatz, dass ich es allen recht machen muss. An oberster Stelle in der Hierarchie steht hierbei meine Familie, aber auch gegenüber wildfremden Personen ist es mir oft viel zu wichtig, was diese von mir denken (könnten). Ich versuche stets, so zu handeln, dass ich möglichst niemanden verärgere und im Optimalfall alle anderen um mich herum glücklich mache. Also mache ich mir Gedanken um ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche und über was sie wohl gerne reden würden und mache diese Dinge dann bewusst zum Gesprächsthema und versuche, verborgene oder unausgesprochene Wünsche zu erraten. Auch wenn das vielleicht ein bisschen extrem wirkt, weiß ich doch, dass ich damit nicht alleine bin und dass viele Menschen sich so oder so ähnlich verhalten. Und es ist absolut nichts schlecht daran, anderen Gutes tun zu wollen oder ihnen auch einmal einen Wunsch zu erfüllen, manchmal auf andere einzugehen und Dinge zu tun, die man sonst vielleicht nicht tun würde. Jedoch kommt es dabei auf das Ausmaß und die Triebkraft hinter diesem Verhalten an.
Ich konnte irgendwann an nichts anderes mehr denken und hatte, selbst als ich alleine war und schon von zuhause ausgezogen war, ständig eine leise Stimme im Hinterkopf, die mir sagte, was ich zu tun hätte. Selbst als es niemand sah, verhielt ich mich also so, wie ich glaubte, dass es von mir erwünscht wird und verlor so jeglichen Kontakt zu mir selbst oder den Bedürfnissen, Interessen oder Werten, die ich selbst hatte oder leben wollte. Ein etwas absurdes Beispiel dafür: Meine Mutter mag keine laute Musik und auch nichts, was “unruhig” im weitesten Sinne ist - also auch keine Pop- oder Rocksongs. Als ich noch ein Kind war, plädierte sie stets dafür, im Auto nicht Radio zu hören und wenn, dann die Lautstärke so gering zu halten, dass die meisten Lieder vom Autolärm übertönt wurden. Heute besitze ich super Kopfhörer und bin auch ein Mensch, der eigentlich gerne Musik oder Podcasts hört - und dennoch “erlaube” ich es mir nicht. Warum? Weil ich damit gegen eine “Regel” verstoßen würde bzw. ein Bedürfnis meiner Mutter für Ruhe verletzen würde - und das wäre für mich das Schlimmste, was eine “Strafe” für meine Rücksichtslosigkeit verdienen würde. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich alleine bin, meine Mutter die Musik nicht hören wird und davon auch nicht gestört werden kann - doch Glaubenssätze müssen nicht logisch sein, da sie in unserem Unterbewussten schlummern und nur durch viel Reflexion ans Tageslicht gefördert werden.
Ein weiterer Glaubenssatz, den ich täglich lebte und der mich (unnötigerweise) einschränkte, betrifft dabei meine ganze Existenz: Ich glaubte nämlich immer, “zu viel” zu sein und hatte (und habe teilweise immer noch) ein sehr geringes Selbstwertgefühl. In sozialen Situationen führte das dann dazu, dass ich es vermied, über meine Interessen zu sprechen, weil ich mir selbst dann nervig vorkam. Es ist sogar öfters vorgekommen, dass ich vor einem Treffen mich bewusst “vorbereitet” habe, indem ich mich in die Interessen meines Gegenübers eingelesen habe, selbst wenn ich selbst keinerlei Interesse dafür empfand und nur Angst davor hatte, die andere Person könnte mich dafür verurteilen oder gar hassen. Und wieder spielte es eigentlich für mich selbst wenn ich alleine war, kaum eine Rolle, was mich selbst denn interessieren könnte, zu sehr war ich von der Angst getrieben, dass ich jemanden - meistens meine Eltern - enttäuschen oder verärgern könnte (indem ich mich für andere Themen als sie interessierte - klingt absurd, ist aber so).
Diese Verhaltensweisen entfernten mich Schritt für Schritt weiter von mir selbst und auf der ein oder anderen Ebene glaube ich, dass das viele Leser/Hörer nachempfinden können. Nun stellte sich für mich die Frage: Wie viel bin ich meinen Eltern “schuldig”? Wann habe ich mich genug angepasst? Wann “darf” ich endlich auch einmal an mich denken, ohne jemanden damit zu verletzen? Denn in mir spürte ich schon lange, dass etwas nicht in Ordnung war und dass meine körperliche und seelische/mentale Gesundheit unter diesem Verhalten und dieser Denkweise litt. Immer entgegen der eigenen Bedürfnisse zu handeln und sich selbst zu verleugnen ist nicht gesund und kann schwere Folgen haben. Die Frage nach dem wann konnte ich irgendwann beantworten - es würde nämlich nie genug sein. Selbst wenn ich allein war, nahm ich ja noch Rücksicht auf die Bedürfnisse (abwesender!) Menschen, es hing somit nicht einmal mehr von deren physischer Präsenz ab, ob ich mich deren Erwartungen anpassen wollte/musste oder nicht.
Ich könnte noch viele weitere Situationen aufzählen, in denen sich dieser Glaubenssatz auswirken kann, aber ich denke, es ist nun ganz gut nachvollziehbar, worauf das ganze Gedankenkonstrukt hinausläuft. Was ich dabei die ganze Zeit über nicht wusste/spürte/fühlen konnte, war, dass ich meinen Wert gänzlich davon abhängig machte, wie andere mich bewerteten. Viele Menschen tun das, manche mehr und manche weniger und als soziale Wesen ist es auch nicht verwunderlich, dass es uns nicht egal ist, was andere über uns denken, schließlich ist es ein gutes Gefühl, sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen zu können und gegenseitige Sympathie zu spüren. Aber wenn wir dadurch komplett auf unseren inneren Kompass verzichten und nur noch im Außen nach Bestätigung suchen, dann ist auch das nicht mehr gesund. In meinem Fall waren es die frühen Erfahrungen mit meinen engsten Bezugspersonen, die meine Glaubenssätze in mir “eingepflanzt” haben. Generell kann man sagen, dass der Einfluss unserer Erfahrungen auf unser Selbstbild - also unser Selbstvertrauen, unseren Selbstwert und unser Selbstbewusstsein - größer wird, je früher wir sie im Leben machen. Besonders die ersten drei Lebensjahre haben den größten Einfluss auf unsere Prägungen und die “innere Geschichte”, die wir später einmal erleben bzw. uns erzählen. Auch später - gerade als Teenager - können Menschen noch verunsichert sein, sich in einer Selbstfindungsphase befinden und so Zugehörigkeit erlangen zu wollen, indem sie sich dem anpassen, was gerade “angesagt” ist, einem Schönheitsideal hinterhereifern oder in einer bestimmten Freundesgruppe nach Anerkennung suchen. Weil jeder Mensch diese Phase einmal durchlebt, kann wahrscheinlich auch jeder bis zu einem gewissen Grad verstehen, welche Ängste ich oben beschrieben habe.
Was einen “normalen” Heranwachsen-Prozess von selbstzerstörerischen Glaubenssätzen aber unterscheidet, ist ein gewisses Urvertrauen. Bei ersterem ist dieses gefestigt und auch wenn man vielleicht noch nicht genau weiß, was man im Leben möchte, kann man sich ausprobieren und nach und nach herausfinden, wer man ist, weil man nicht weit fällt bzw. das Vertrauen hat, aufgefangen zu werden. Dieses “Sicherheitsnetz” fällt in letzterem Fall jedoch weg. Dadurch fühlt sich jeder Versuch, sich von den Erwartungen anderer zu lösen, wie eine Bedrohung an, die potenziell als Verrat betrachtet werden könnte und einen Kontaktabbruch oder einen Liebesentzug zur Folge hätte, was in diesem Moment wie ein Weltuntergang und eine existenzielle Bedrohung erscheint. Und wäre ich immer noch 2 Jahre alt, würden mich diese Instinkte wahrscheinlich wirklich retten, weil sie mir die nötige Zuwendung verschaffen können. Doch als nunmehr 24 Jahre alter, junger Mann bin ich auf diese Zuneigung von außen eigentlich nicht mehr abhängig. Ich weiß auch, dass es immer Menschen gibt, die ähnlich denken wie ich und dass es okay ist, sich von anderen Meinungen abzugrenzen, dass mehr als ein Lebensentwurf möglich ist und eine Daseinsberechtigung hat. Dass jeder Mensch, egal welche Werte er vertritt, im Kern gleich viel Wert ist und dass auch für mich da keine Ausnahme gilt. Und dass ich deshalb auch nicht so handeln muss, als würde mein Wert allein vom Urteil meiner Eltern, der Gesellschaft oder sonst jemandem bestimmt werden.
Die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstreflexion ist zweifelsohne eine positive Eigenschaft - doch sie setzt einen gesunden Selbstwert voraus. Denn ohne das Vertrauen in sich selbst wird jede Kritik zu einer Bedrohung, jede andere Meinung zu einem Dogma und jeder Kommentar anderer Menschen zur Realität. Selbstbewusstsein bedeutet nicht, sich selbst gegenüber unkritisch zu sein oder jegliche Kritik von sich abprallen zu lassen - es bedeutet viel mehr, diese annehmen zu können und ehrlich für sich evaluieren zu können, ohne seinen eigenen Wert davon abhängig zu machen oder den Druck zu verspüren, sich sofort ändern und anpassen oder gar bestrafen zu müssen. Um eine solche Einstellung etablieren zu können, braucht es viel Geduld und Hartnäckigkeit. Oft und oft kommen wieder Gedanken auf, die einen als Ganzes infrage stellen oder gar eine Rückkehr zu alten, selbst-verleugnenden Verhaltensweisen fordern, da dies als die kurzfristig sichere Variante so attraktiv wirkt. Doch langfristig führt ein solches Verhalten nicht nur dazu, dass man immerzu gestresst und unausgeglichen ist, auch psychosomatische Folgeerkrankungen sind langfristig nicht selten. So schwer es auch fällt, bitte ich dich deshalb, dir selbst treu zu bleiben, egal was dein Umfeld dazu sagt. Es mag sein, dass dein Bedürfnis danach, gesehen und akzeptiert zu werden, manchmal einen fast unaushaltbaren Druck erzeugt, der durch Anpassung leicht zu reduzieren wäre. Doch das ist langfristig kein Weg, der dich zu dir selbst führt, sondern im Gegenteil dich immer mehr von dir selbst entfernt, wie ich in den ersten 20+ Jahren meines Lebens aus erster Hand bestätigen kann.
Es ist nicht egoistisch, ein eigenes Leben führen zu wollen und seinen eigenen Interessen nachgehen zu wollen. Wir schulden auf dieser Welt niemandem eine Rechtfertigung, außer uns selbst. Also lass uns uns selbst nicht enttäuschen und triff jeden Tag Entscheidungen, die FÜR und nicht GEGEN dich und dein Selbst sprechen. Übung macht den Meister, und was anfangs noch schwer fällt (wie mir zB schon das Musikhören) wird mit der Zeit immer leichter - und je mehr wir in unserem authentischen Selbst leben, desto mehr haben wir in dieser Welt auch zu geben - ohne geben zu MÜSSEN oder für das Glück anderer oder den Weltfrieden verantwortlich zu sein. Es darf sich dabei ein innerer Schalter umlegen, der den Druck, den diese Glaubenssätze ausüben, abschaltet bzw. nicht mehr so allgegenwärtig macht. Es ist okay, dass das Zeit braucht und sich eine Zeit lang einfach NUR falsch anfühlt - als wäre man egoistisch, würde keine Rücksicht nehmen und ständig andere verletzen. Doch in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: wenn man die Grenzen eines Menschen überschreitet, dann verletzt man ihn. Nun aber die eigenen Grenzen zu wahren und sich abzugrenzen, nicht mehr für alles verantwortlich zu machen und auf sich selbst zu achten, verletzt noch niemanden anders, sondern beendet lediglich die Selbstverletzung, die man sich zuvor zugefügt hat.
Es gibt sicher Menschen in unserem Leben, die uns glauben machen möchten, dass das schon eine Grenzverletzung ist, indem sie uns ein schlechtes Gewissen einreden oder uns kritisieren. Doch diese Kritik und dieses Urteil von außen sagt nichts über uns selbst, sondern mehr über unser Gegenüber aus, das seinen eigenen Wert von unserem Verhalten abhängig macht und nicht akzeptieren kann, wenn wir uns bewusst abgrenzen. Natürlich müssen wir nicht komplett frei von jedem Selbstzweifel sein und dürfen uns (konstruktive) Kritik auch zu Herzen nehmen - doch wenn du diese Zeilen liest, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass “zu wenig” Selbstkritik sicher nie eines deiner Probleme sein wird. Es ist wunderschön, wenn wir in Beziehungen leben, die uns Kraft schenken, in denen wir uns wohlfühlen und die unser Leben bereichern - doch keine Beziehung dieser Welt ist so wichtig wie die zu uns selbst. Es gibt nur einen Menschen, der bis an unser Lebensende nie von unserer Seite weichen wird - nämlich wir selbst. Und wie jede andere Beziehung benötigt auch die Beziehung zu uns selbst Zeit, Zuwendung und Abgrenzung. Und die Menschen, denen wir wirklich wichtig sind (und die wir in unserem Leben haben wollen sollten), können das auch akzeptieren und werden trotzdem “bleiben” bzw. uns in schwierigen Situationen unterstützen, weil sie Verständnis und Mitgefühl für uns haben, uns respektieren und unsere Grenzen wahren.
Im besten Fall erfahren wir dieses Gefühl, wenn wir aufwachsen, indem wir ernst genommen, respektiert, unterstützt, angeleitet, aber nicht bevormundet oder verurteilt werden und unsere Grenzen gewahrt werden. Weil aber auch Generationen vor uns genau mit diesen Dingen vielleicht ihre Probleme hatten, geben sie weiter, was sie selbst erfahren haben, da sie selbst kein anderes “Vorbild” für Erziehung erlebt haben. Dabei geht es nicht darum, den “Schuldigen” zu finden, jemanden von jeder Verantwortung frei zu sprechen oder irgendein Verhalten zu rechtfertigen - doch es kann uns helfen, zu erkennen, dass WIR nie das Problem waren. Dass es nicht unsere Schuld ist, dass sich Menschen in unserem Umfeld manchmal schlecht fühlen und dass wir das nicht ändern müssen, indem wir unsere eigenen Grenzen verletzen, auch wenn das manchmal entweder stillschweigend oder auch ganz offen von uns verlangt oder erwartet wird. Doch wir dürfen unser eigenes Leben leben, haben ein Recht auf Selbstbestimmung und es ist nicht egoistisch, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen oder unsere Grenzen zu wahren - es ist viel mehr unsere einzige wirkliche Pflicht und liegt alleine in unserer Verantwortung. Deshalb möchte ich jeden und jede, die bis hierhin gelesen hat, dazu ermutigen, für sich selbst einzustehen und nicht länger zu versuchen, alle anderen zufrieden zu stellen, um irgendwann vielleicht selbst den eigenen Wert zu spüren - denn dieser Tag wird auf diesem Weg nicht kommen. Im Gegenteil, um den eigenen Wert zu spüren, müssen wir uns selbst respektieren, unsere Grenzen wahren und UNS selbst treu bleiben - auch wenn sich das anfangs falsch und deshalb unangenehm anfühlt. Doch es wird leichter werden und nicht nur wir selbst, sondern paradoxerweise auch unsere Beziehungen (die uns wirklich wichtig sind) werden nicht darunter leiden, sondern viel mehr davon profitieren.
Und wenn deine Angst noch sehr groß ist: Ich verstehe dich. Sehr gut sogar. Aber was gibt es zu verlieren? Einen Versuch ist es wert, schließlich wird der Status quo, wenn du bis hierhin gelesen hast, dich auch nicht glücklich machen und das Loch in dir nie schließen können… Lass es uns also versuchen - ich verspreche dir, es wird sich lohnen.